Marcel Spiess ist Co-Geschäftsführer der Quellenhof-Stiftung. Davor hat er für acht Jahre die Jugend-Wohnangebote geleitet. (Bild: Maksym Tkach/SEA)
«Wir müssen alles daran setzen, die Beziehungsfähigkeit der jungen Menschen zu stärken.»
Marcel Spiess
Bei der Quellenhof-Stiftung finden junge Menschen mit einem erhöhten Unterstützungsbedarf, sei es aufgrund belastender Lebenssituationen oder psychischer Herausforderungen, betreute Ausbildungs- und Wohnmöglichkeiten. Im Gespräch mit dem Co-Geschäftsführer der Stiftung, Marcel Spiess, zeigt sich die zentrale Bedeutung eines stabilen Beziehungsnetzes gegen die grassierende Vereinzelung unserer Zeit.
«Ich schätze es, kreativ zu arbeiten und Dinge tun zu können, die mir guttun.» Die 17-jährige Tanja* besucht täglich von 8 bis 15 Uhr die «Bridge» der Quellenhof-Stiftung in Winterthur. Ziel dieses Angebots ist, Jugendliche und junge Erwachsene im Aufbau ihrer Ausbildungsfähigkeit zu unterstützen. Hier fühle sie sich gehört; das Team gebe sich Mühe, sie zu verstehen, erzählt Tanja weiter.
Die «Bridge» ist in mehrere Lernlandschaften zu verschiedenen Berufsfeldern gegliedert. Die jungen Leute können an verschiedenen Kompetenzen arbeiten, geeignete Berufsfelder entdecken und sich auf ihre berufliche Zukunft vorbereiten. Wie Marcel Spiess erklärt, sind sowohl in den Arbeits- als auch den Wohnangeboten der Quellenhof-Stiftung eine ansprechende Gestaltung der Räumlichkeiten und eine Atmosphäre, in denen die jungen Menschen sich wohlfühlen, enorm wichtig. «Das gibt Sicherheit und dient dem Aufbau von Vertrauen», so der Co-Geschäftsführer.
Beziehung ist A und O
Die Nachfrage nach betreuten Wohn- und Ausbildungsplätzen und individueller Begleitung für junge Menschen ist anhaltend hoch. Das ist auch bei der Quellenhof-Stiftung spürbar. «Wir müssen leider immer wieder auch Anfragen ablehnen. Vor allem bei jüngeren Frauen ist der Bedarf tendenziell steigend», stellt Marcel Spiess fest. Insofern war es goldrichtig, vor zwei Jahren ein neues Angebot zu starten, das auf die intensive Betreuung von Frauen unter 20 mit belastenden Lebensumständen ausgerichtet ist. Sie sollen Stabilität in ihrem Leben gewinnen, Versöhnung in Konflikten finden und ein tragendes Beziehungsnetz aufbauen können.
Beziehungen sieht Marcel Spiess generell als Schlüssel: «Wir müssen alles daran setzen, die Beziehungsfähigkeit der jungen Menschen zu stärken.» Das heutzutage überbordende Informationsangebot und die Digitalisierung seien eine Herausforderung für die Beziehungsfähigkeit, doch das Bedürfnis nach Bindung bleibe. «Eine Sucht ist nichts anderes als eine Ersatzbindung anstelle der Bindung an Menschen – und an Gott.»
Entsprechend bezeichnet er Beziehungsarbeit als Hauptaufgabe in der Unterstützung der jungen Klientinnen und Klienten. «Sie sollen bei uns Beziehung üben können. Das kann zu Konflikten führen, doch ohne Konflikte keine Entwicklung. Natürlich nehmen wir dabei Rücksicht auf die Vorgeschichte der jungen Menschen, etwa vorhandene Bindungsstörungen.»
Sinnfragen sind da
Und die Beziehung zu Gott – inwiefern ist sie ein Thema? Für die Betreuungspersonen sei der Glaube eine enorme Ressource in ihren bisweilen sehr herausfordernden Aufgaben, so Marcel Spiess. Bei den Jugendlichen werde diesbezüglich nichts erwartet. Sie müssten den Glauben aus freien Stücken entdecken können. «Das bedingt unsererseits Feingefühl: Wenn die Offenheit, das Interesse des Gegenübers an Glaubensfragen da ist, wollen wir ihm den Glauben nicht vorenthalten. Wir wollen Hoffnungsträger sein mit unserem Glauben, dass es mehr gibt als das, was wir sehen und haben im Leben.» Grundsätzlich nimmt Marcel Spiess ein grosses Bedürfnis nach Halt, Identität und Sinn wahr. Aber das Abhängigkeitsverhältnis dürfe natürlich nie dafür ausgenützt werden, die christliche Antwort auf diese Bedürfnisse jemandem überzustülpen.
Kirchliche Angebote als wichtige Ergänzung
Auch wenn er den Staat in der Pflicht sieht, seine soziale Aufgabe wahrzunehmen, hält Marcel Spiess zusätzlich Initiativen privater Akteure für sehr wichtig. Es brauche eine Balance von beidem. Ein Beispiel, wie gerade die Kirchen eine wertvolle Rolle spielen können, ist, dass sie Menschen ein intaktes Umfeld bieten. «Die Beziehungen bei uns sind Beziehungen auf Zeit. Im Unterschied dazu haben Kirchen die Chance, nachhaltige Beziehungen zu den jungen Menschen aufzubauen.» Das könne manchmal überfordern, ist er sich bewusst. «Deshalb ist die Kirche nicht nur eine soziale, sondern eine göttliche Institution, die mit Gottes Eingreifen rechnet.»
Ebenfalls eine wichtige Funktion hätten Erlebnisse in der Natur für eine Generation, die nicht mehr automatisch damit in Berührung kommt. Auch in diesem Bereich bietet die kirchliche Jugendarbeit einiges.
Mit Gott rechnen
Auch nachdem Junge aus Angeboten der Quellenhof-Stiftung ausgetreten sind, gibt ihnen ein stabiles Umfeld, sei es in der Familie, der Kirche oder einem Verein, wichtigen Halt. Ein nicht zu unterschätzender Faktor beim Schritt in ein selbstständiges, «normales» Leben. Und wenn dies nicht gelingt – auch das ist eine Realität –, dann hilft Marcel Spiess der göttliche Blick auf die Zukunft: «Gott sieht Potenzial in jedem Menschen und er hat eine gute Vision für jeden Menschen. Diese Sicht hilft mir, meine eigene Wahrnehmung immer wieder zurechtzurücken.»
*fiktiver Name
Angebote für junge Menschen
Die Quellenhof-Stiftung steht Menschen aus allen Generationen in herausfordernden Lebenssituationen mit verschiedenen Wohn-, Arbeits-, Unterstützungs- und Bildungsangeboten bei. Speziell für junge Menschen mit psychischen Herausforderungen gibt es sozialpädagogisch betreute Wohngruppen, ein stationäres Angebot für psychisch stark belastete Mädchen und junge Frauen sowie ein begleitetes Wohnangebot für Lernende. Mit einer Lehrwerkstatt, einem Lerncenter und dem Integrationsangebot «Bridge» wird jungen Menschen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf geholfen, erfolgreich eine Ausbildung zu absolvieren. Die Quellenhof-Stiftung verfügt über eine Leistungsvereinbarung mit dem Kanton Zürich und arbeitet eng mit anderen Akteuren zusammen, beispielsweise Kliniken, aus denen Jugendliche in ihre Angebote übertreten. www.quellenhof-stiftung.ch
Im Netzwerk der Evangelischen Allianz gibt es verschiedene Organisationen mit vergleichbaren Angeboten. Sie sind auch Teil des Verbands CISA – christliche Institutionen der Sozialen Arbeit. www.cisa-schweiz.ch
Daniela Baumann ist Kommunikationsbeauftragte der Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA.