Wenn auch die Umstände unterschiedlicher fast nicht sein könnten, so sind die Aufgaben der Seelsorgerinnen und Seelsorger in der Armee, im Gefängnis, in der Psychiatrie und im Asylzentrum doch ähnlich: präsent sein, ein offenes Ohr haben, echtes Interesse zeigen, den Alltag teilen, Beziehungen und Vertrauen aufbauen, auf spirituelle Bedürfnisse eingehen. Vier Seelsorgerinnen und Seelsorger geben anhand dreier Fragen Einblick in ihre Tätigkeit.
1. Was sind aktuell die häufigsten Themen oder Fragen, welche die Klienten in der Seelsorge ansprechen?
2. Vielen, vor allem jungen Menschen geht es psychisch nicht gut. Was sind Ihre Erfahrungen aus der Praxis?
3. Was können Sie als Seelsorgerin bzw. Seelsorger zum psychischen Wohlbefinden der Menschen beitragen?
Ein neuer Blick auf die Situation – Daniel Baltensperger, Armeeseelsorger
- Viele Rekrutinnen und Rekruten erleben eine Überforderung durch das neue, fremde und stark strukturierte Umfeld. Die eingeschränkte individuelle Freiheit, Aufträge und Aufgaben, deren Sinn sich nicht immer sofort erschliesst, sowie der Mangel an Rückzugsorten belasten einzelne stärker.
- Ich erlebe im Militär, dass viele junge Männer und Frauen mit den Herausforderungen erstaunlich gut zurechtkommen und daran wachsen. Sie erleben Kameradschaft, Bewegung an der frischen Luft und entdecken neu, wie wichtig körperliche Aktivität für Psyche und Seele ist. Weniger Reizüberflutung, weniger Vergleich, mehr Präsenz im Moment. Dieser Teil der jungen Menschen ist nach wie vor grösser als jener mit psychischen oder seelischen Leiden.
- Das Wichtigste ist, physisch präsent zu sein. Dazu gehört auch, dass ich meine Aufgabe mit Freude wahrnehme und gerne mit den Menschen zusammen bin. Sie spüren sehr genau, ob jemand echtes Interesse hat oder nur einen Auftrag erfüllt. Ich unterstütze sie dabei, in Umständen, die sie nicht wählen oder verändern können, einen Sinn zu entdecken, einen Nutzen für sich persönlich zu erkennen oder – wenn beides nicht gelingt – die Situation wenigstens mit Humor und Würde zu tragen.
Daniel Baltensperger ist Armeeseelsorger in Bülach und begleitet gemeinsam mit einem Kollegen zwei Rekrutenschulen sowie zwei Offiziersschulen. Dabei ist er für Rekrutinnen und Rekruten, Kader und Berufspersonal bis hin zum Schulkommandanten da, in persönlichen Gesprächen – sei dies telefonisch, vor Ort oder unterwegs, etwa auf Märschen.
In erster Linie Beziehungsarbeit – Kaspar Junker, Gefängnisseelsorger
- Oft beschäftigt zuerst das Naheliegendste: der Gefängnisalltag. Die Freundin, die den Kontakt abbricht; die Sorge, wer nun zum Hund schaut; der stinkende Zellengenosse. Viele Themen werden jedoch nicht direkt benannt. Kaum jemand sagt: «Ich habe ein Selbstwertproblem» – stattdessen zeigt es sich etwa in grossspurigem Auftreten. Scham spielt dabei eine grosse Rolle. Es braucht Zeit und Vertrauen, bis gewisse Themen zur Sprache kommen. Seelsorge ermöglicht hier oft eine neue, wohlwollende Sicht auf sich selbst, in der auch Verletzlichkeit Platz haben darf.
- Viele, gerade jüngere Inhaftierte bringen bereits vor der Haft belastende Erfahrungen mit: Instabilität, Gewalt, Vernachlässigung oder Traumatisierungen. Eine verlässliche, schützende Kindheit haben die wenigsten erlebt; entsprechend fragil ist oft ihre psychische Stabilität.
- Zum psychischen Wohlbefinden kann Seelsorge beitragen, indem sie eine klare Haltung vermittelt: «Du bist mir nicht egal.» Das Erleben von Würde, Beziehung und unbedingter Annahme – auch aus dem christlichen Glauben heraus und trotz Schuld oder Versagen – kann eine emotional korrigierende Erfahrung sein und Halt geben in einer Situation, die von Kontrollverlust geprägt ist.
Kaspar Junker begleitet als Gefängnisseelsorger im Regionalgefängnis Biel Menschen in einer existenziellen Ausnahmesituation, in der er ihnen unvoreingenommen begegnet, Zeit, Zuwendung und ein offenes Ohr schenkt. Auch die Feier von Gottesdiensten und die notfallpsychologische Begleitung in Krisen gehören zu seiner Arbeit. Genauso ist er für die Mitarbeitenden da, die oft ebenfalls belastende Situationen zu bewältigen haben.
Ein Stück Lebensweg mitgehen – Sibylle Kicherer Steiner, Psychiatrieseelsorgerin
- Meine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Gerontopsychiatrie und auf der Abhängigkeitsstation. Viele angesprochene Themen wurzeln in den entsprechenden Erkrankungen und ihren Folgen. Jede Lebensgeschichte wirft persönliche Fragen und Bedürfnisse auf, diese gilt es mit Einfühlungsvermögen und mit dem Aufbau von Vertrauen herauszuschälen. Allen Patienten gemeinsam ist, dass sie eine Antwort auf die Frage suchen, wofür es sich zu leben lohnt.
- Der Kanton Solothurn hat keine stationäre Kinder- und Jugendpsychiatrie. Junge Erwachsene werden aus unterschiedlichen Gründen hospitalisiert. Darunter fallen Abhängigkeitserkrankungen, psychotische Erkrankungen, Angst und Depressionen sowie Kriseninterventionen. Auch Druck, Ängste, Mobbingerfahrungen, ein instabiles familiäres und soziales Netz sowie traumatisierende Erlebnisse beeinträchtigen die psychische Gesundheit.
- Die Basis der Begleitung ist Vertrauen und die Person wahrzunehmen. Wirklich gesehen und gehört zu werden, ist die Keimzelle von Respekt und Hoffnung und trägt zur emotionalen Stabilisierung bei. Jeder Mensch hat gesunde Anteile, freut sich über Dinge, ist dankbar für Beziehungen, hofft auf etwas. Dort setzt die Seelsorge an und geht auf die spirituellen Bedürfnisse ein.
Sibylle Kicherer Steiner bietet als Psychiatrieseelsorgerin bei den Psychiatrischen Diensten Solothurn einen Raum, in dem Menschen sich selbst sein dürfen mit allem, was gerade ist. Sie schaut mit den Patientinnen und Patienten deren aktuelle Lebenssituation genau an, hört zu, fragt nach, versucht zu verstehen. In der Begleitung gilt der Blick den äusseren und inneren Ressourcen; Menschen werden nicht auf ihre Krankheit und ihre Nöte reduziert.
Respekt, Offenheit und Wertschätzung – Gregor Weber, Asylseelsorger
- Meistens erzählen die Gesuchstellenden von ihrer aktuellen Situation und Herausforderungen, von ihrer Heimat oder von erlebter Ungerechtigkeit. Ebenso oft möchten sie erfahren, wie das Leben hier in der Schweiz aussieht. Nicht selten zeigen sie auch Interesse am christlichen Glauben und wünschen, in der Bibel zu lesen. Viele suchen Orientierung, Halt und Perspektive.
- Ich begegne den Menschen in einer Phase tiefgreifender Transformation, die von starkem Druck und grosser Ungewissheit geprägt ist, ob sie in der Schweiz bleiben dürfen. Gleichzeitig ist jedoch auch die Hoffnung präsent, hier eine neue Zukunft aufzubauen. Ich finde bemerkenswert, dass viele Geflüchtete trotz der Traumata durch Krieg und Verfolgung oder auf der Flucht ihr Leben bewältigen und nach vorne schauen. Die menschliche Psyche zeigt oft eine erstaunliche Widerstandskraft.
- Meine Hauptaufgabe besteht darin, den Menschen teilnehmend und aktiv zuzuhören. Für viele Gesuchstellende hat Religion einen hohen Stellenwert. Über geistliche Ressourcen zu sprechen, gemeinsam zu beten oder über Gottes Wort ins Gespräch zu kommen, erachte ich deshalb als wichtigen Teil meiner Arbeit. Dabei begegne ich den Menschen als Christ und bringe meine eigenen spirituellen Ressourcen ein. Gleichzeitig nehme ich sie in ihrer jeweiligen Kultur und Religion an. Respekt, Offenheit und Wertschätzung bilden die Grundlage dieser seelsorgerlichen Begegnungen.
Gregor Weber arbeitet als Asylseelsorger im Bundesasylzentrum Altstätten SG in einem interreligiösen Team. Zusammen mit zwei muslimischen Seelsorgenden und einer katholischen Kollegin ist der reformierte Pfarrer erste Anlaufstelle vor Ort bei vielfältigen Fragen, begleitet Menschen etwa bei der Verarbeitung eines Asylentscheids und der Klärung nächster Schritte.