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«In der christlichen Tradition entdecke ich Schätze, die mein Wohlbefinden als ganzer Mensch fördern.»
Heike Breitenstein
Dieser «SEA Fokus» lässt erahnen, wie vielschichtig Fragen der psychischen Gesundheit sind und welche Rolle der christliche Glauben in diesen Herausforderungen spielen könnte. Drei Einsichten sind mir beim Lesen wichtig geworden:
1. Die Zeiten des Streits sind vorbei
Es ermutigt mich, dass das Thema Spiritualität im Gesundheitswesen eine grössere Bedeutung gewinnt. Lange Zeit wurde dieser Bereich abgekoppelt und kritisch beäugt, seelsorgliche Angebote wurden mitunter als unwissenschaftlich oder unprofessionell abgetan. Doch die Einsicht wächst, dass zum Menschsein auch die spirituelle Dimension gehört – auch wenn der Wandel nicht von heute auf morgen passiert. Für christliche Seelsorgerinnen und Seelsorger heisst das: Wir müssen unser Proprium nicht verstecken, sondern können dieses selbstbewusst in die Gesellschaft einbringen. Eine reflektierte Herangehensweise, fachliche Kompetenz und das selbstkritische Wissen, dass der christliche Glaube nicht nur zum Wohlbefinden beiträgt, sondern in gewissen Formen auch krank machen kann, sind dabei unabdingbar.
Umgekehrt gehören auch in unseren Kirchen und Gemeinden die Zeiten des Streits hoffentlich endgültig der Vergangenheit an. Es ist unverantwortlich und schadet dem Wohl von Menschen, wenn psychotherapeutische und seelsorgliche Angebote gegeneinander ausgespielt werden. Psychotherapie und Gebet bzw. Seelsorge sind keine Alternativen, sondern ergänzen einander. Dabei stehen wir als Kirchen in der Verantwortung, dass wir einen theologisch reflektierten Umgang mit den Themen Gesundheit und Heilung entwickeln.
2. Entscheidend ist, wie wir einander begegnen
Als Christinnen und Christen haben wir den Auftrag, Menschen in psychischen Krisen zu unterstützen und zu begleiten. Die Gemeinschaft in unseren Gemeinden kann Menschen stärken und ihnen Halt und Hoffnung geben. Dabei bin ich in meiner eigenen Haltung herausgefordert: Sehe ich in der anderen Person «nur» einen Kranken, dem ich helfen könnte? Ist mein Blick defizitorientiert? Oder sehe ich eine Person mit Ressourcen und Stärken, die mir persönlich, aber auch uns als Gesellschaft mit unseren Werten und Normen kritisch den Spiegel vorhält? Ich wünsche mir, dass wir Menschen zuhören, ohne sie zu verurteilen. Dass wir – wie in der vorliegenden Ausgabe – an ihren Geschichten Anteil nehmen und voneinander lernen, statt sie zu belehren. Das gilt gerade auch für das Miteinander der Generationen und den Umgang mit jüngeren Menschen, die häufig von psychischen Krankheiten betroffen sind.
3. Es lohnt sich, für die eigene Seele zu sorgen
Es beeindruckt mich, dass die Bibel den Menschen nicht als ein Wesen beschreibt, das eine Seele hat. Vielmehr ist der Mensch eine Seele, ein durstiges Wesen, das sich nach der Beziehung zu seinem Schöpfer sehnt. Wie ich mich ums tägliche Essen, meine Wohnung und meinen Körper kümmere, so will ich auch in mein seelisches Wohlergehen investieren. Dazu gehört, dass ich Seelsorge oder geistliche Begleitung in Anspruch nehme, dass ich Lebensfragen im Coaching betrachte oder bei Exerzitien die Freundschaft zu Jesus Christus vertiefe. In der christlichen Tradition entdecke ich Schätze, die mein Wohlbefinden als ganzer Mensch fördern.
Ich freue mich, dass wir als SEA an verschiedenen Stellen etwas zu der in dieser Ausgabe diskutierten Thematik beitragen. Durch Vernetzung und Schulung von Leitenden in der Jugendarbeit, wo auch die Frage des Umgangs mit psychischen Erkrankungen eine Rolle spielt. Indem wir uns bei der Armeeseelsorge engagieren. Oder durch den vielfältigen Einsatz unserer Mitglieder in Bereichen wie Begleitung, Beratung und sozialer Arbeit.
Heike Breitenstein ist Theologin, Referentin beim Pontes Institut für Wissenschaft, Kultur und Glaube und engagiert sich im Vorstand der SEA. Sie lebt in Bern und ist dort Teil der Gemeinschaft Stadtkloster Frieden.