«Die Psychotherapie unterstützt dabei, sich über sich selbst klarer zu werden.»
Walter Meili
Wie unterscheiden sich Gesprächsformen wie Beratung, Coaching, Psychotherapie, Geistliche Begleitung oder Seelsorge voneinander? Die folgenden Definitionen und Abgrenzungen sind eine Kurzfassung des Dokuments «Formen des helfenden Gesprächs», das der Psychotherapeut Walter Meili im Dezember 2023 veröffentlicht hat.[1]
1. Beratung, Coaching
In der psychosozialen Beratung werden Menschen in herausfordernden Lebenssituationen oder in Entwicklungsschritten begleitet und unterstützt. Das Angebot der psychosozialen Beratung «richtet sich an Personen und Gruppen, die ihr Leben insgesamt selbstständig bewältigen, zu einzelnen Themenbereichen und Fragen oder Lebenskrisen jedoch Unterstützung suchen. […] Gegenüber Psychotherapie macht sie ein Hilfs- und Unterstützungsangebot – keines, das Heilung anstrebt, sondern Entwicklung von Kompetenzen in verschiedensten Bereichen.»[2]
Coaching ist eine individuelle, zeitlich begrenzte Unterstützung zur Erreichung eines bestimmten Ziels. Dabei begleitet der Coach den Klienten bei der Suche nach eigenen Lösungswegen. Die Fragestellungen sind oft beruflicher Art (Führung, Kommunikation, Organisation und Zusammenarbeit, Stress-Management, Work-Life-Balance). Die Übergänge zwischen Coaching und Beratung sind fliessend.
2. Psychotherapie
Die Psychotherapie richtet sich in erster Linie an Menschen mit psychischen Krankheiten. Damit sind Zustände gemeint, die in der Regel mit Veränderungen des Erlebens und Verhaltens einhergehen. Neben dem Selbstwert leidet oft auch die Selbstregulationskompetenz darunter: Solche Menschen können ihre Erkrankung und die daraus folgenden Einschränkungen auch durch grösstmögliche Selbstdisziplin und Willenskraft nur schwer oder gar nicht beeinflussen. In der Folge sind die Bewältigung des Alltags, soziale Beziehungen sowie das Ausfüllen sozialer Rollen beeinträchtigt. Unter einer psychischen Störung kann man sich beispielsweise Depression, Angst- und Panikstörungen, Borderline, Suchterkrankungen oder Traumafolgestörungen vorstellen.
Die Psychotherapie beginnt mit einer Diagnosestellung. Dann geht es um ein Problemverständnis: Weshalb empfinde, weshalb verhalte ich mich so und nicht anders? Der Klient wird dabei unterstützt, sich über sich selbst klarer zu werden und die bewussten und unbewussten Ziele und Motive zu erforschen, die dem eigenen Erleben, Empfinden und Verhalten zugrunde liegen. Dies erfordert einen Blick auf die eigene Kindheit, um zu verstehen, wie man geprägt wurde. Durch geeignete psychotherapeutische Verfahren wird die Kompetenz gestärkt, die eigenen Probleme anzugehen. Die einen Methoden arbeiten daran, Unbewusstes bewusst zu machen, andere setzen darauf, neues Verhalten einzuüben. In der Regel braucht es eine Kombination von beidem.
Die wichtigste Erkenntnis jeglicher Psychotherapieforschung ist bis dahin die, dass für den Behandlungserfolg weniger die Methode, als vielmehr die therapeutische Beziehung massgebend ist. Der Klient muss sich also in erster Linie vom jeweiligen Therapeuten verstanden und unterstützt fühlen. Psychotherapie kann bei Bedarf durch medikamentöse Behandlung ergänzt werden.
Psychotherapie ist grundsätzlich ein weltanschaulich neutrales Verfahren. Der Wert der Spiritualität wird jedoch in zunehmendem Mass gesehen und gewürdigt.
3. Geistliche Begleitung
In der Geistlichen Begleitung geht es darum, das normale, alltägliche Leben aufmerksam wahrzunehmen und mit Gott in Verbindung zu bringen. Ziel ist die Klärung und Stärkung der Gottesbeziehung. Die Geistliche Begleitung in unserer Zeit geht der Form nach zumeist auf Ignatius von Loyola (1491 – 1556) zurück. Gemäss Ignatius soll die Begleiterin «unmittelbar» den Schöpfer mit dem Geschöpf wirken lassen. Sie bietet lediglich Übungen an. Dies erfordert eine grosse Zurückhaltung, wie folgendes Zitat verdeutlicht:
«Der Geber der Übungen ist gleichsam der Dritte im Bunde, der sich aber zurückhält, eben nicht wirkt, sondern wirken lässt und intensiv hinschauend dabei ist, selbst aber nicht eingreift: Der göttliche Geist wirkt ‹unmittelbar› und der Mensch lässt dies zu. […] Durch die Auswahl der Übungen – seiner einzigen wirklichen Aktivität – führt er den Übenden immer wieder in Gottes Unmittelbarkeit zurück.»[3]
Diese eher für die Exerzitienpraxis formulierte totale «Abstinenz» des Begleiters ist bei Geistlichen Begleitungen im Alltag wohl nicht in dieser Konsequenz durchzuhalten. Vielmehr wird der Begleiter dann und wann auch als Berater angesprochen sein. In jedem Fall berät die Geistliche Begleitung bezüglich des äusseren Rahmens des Übens.
Das Ziel der Geistlichen Begleitung geht über das der Therapie hinaus, denn «heil wird er [der Mensch] erst dann, wenn er in sich den Ort entdeckt, an dem Gott in ihm wohnt».[4] Auf der anderen Seite kann Geistliche Begleitung bei Störungen von Krankheitswert eine Therapie nicht ersetzen. Die Haltung, Probleme «allein mit Gott» lösen zu wollen, kann eine Vermeidungsstrategie sein, welche die Heilung aufschiebt.
4. Seelsorge
Seelsorge ist ebenfalls eine Form des helfenden Gesprächs, die in einem Glaubenskontext stattfindet. In ihrer ursprünglichen Bedeutung ist sie mit dem Wirken einer Pfarrperson verbunden. Es sind dabei ganz unterschiedliche Settings denkbar, vom einmaligen Gespräch bis zu einer jahrelangen Begleitung. Heute assoziieren viele Seelsorge eher mit Beratungsausbildungsgängen für gläubige Menschen, wie sie zum Beispiel ICL[5], bcb[6] oder BTS Schweiz[7] anbieten.
Für die begleitende Seelsorge werden vor allem Kompetenzen im Zuhören und in der Gesprächsführung vermittelt. Für die beratende Seelsorge werden weitergehende beraterische und psychotherapeutische Kompetenzen gelehrt.
Bei aller Vielfalt ist das Spezifische der Seelsorge, dass sowohl Beraterin als auch Klient im Glauben stehen und mit der Hilfe Gottes im Beratungsprozess rechnen oder zumindest darauf hoffen. Natürlich hat in einem Seelsorge-Gespräch auch das Gebet seinen Platz oder kann sogar im Vordergrund stehen (wie etwa bei Gebets-Seelsorge oder Hörendem Gebet).
Die Inhalte der Seelsorge decken sich mit jenen der Beratung, wobei spezifische Glaubensthemen dazukommen.
[1] Auf Anfrage erhältlich bei walter.meili@outlook.com.
[2] vgl. Schweizerische Gesellschaft für Beratung SGfB, www.sgfb.ch.
[3] Kiechle, Stefan: Gott die Ehre. Kurze Theologie der ignatianischen Exerzitien. 2021, Echter Verlag, S. 26.
[4] ebd., S. 113.
[5] vgl. https://www.icl-institut.org.
Dr. med. Walter Meili ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Enneagramm-Lehrer und Buchautor.