Algorithmen als Seelsorger: Ist das eine Zukunftsvision oder ein Tabubruch? Was für und was gegen Künstliche Intelligenz in der Seelsorge spricht.
Mitte der 1990er-Jahre entwickelte die Unternehmensberaterin Jackie Fenn die Theorie des «Hype-Zyklus».[1] Die Aufmerksamkeit, welche die Öffentlichkeit neuen Technologien schenkt, durchläuft demnach fünf Stufen: Auf einen «Innovationsauslöser» folgen der «Gipfel der überhöhten Erwartungen» und das «Tal der Enttäuschung». Nur langsam erhole sich danach die Wahrnehmung einer Technologie entlang des «Hangs der Erleuchtung», wenn langsam klar wird, dass eine neue Technologie tatsächlich Nutzen bringen kann. Schliesslich stabilisiere sich eine Technologie im «Plateau der Produktivität»: Sie kommt weitläufig zur Anwendung und ihre Vorteile sind deutlich erkennbar.
Ob sich dieser Verlauf wissenschaftlich belegen lässt, ist umstritten. Deutlich ist jedoch, dass in den vergangenen zwei Jahren gewaltige Erwartungen an die Künstliche Intelligenz entstanden sind. KI wird die Gesellschaft grundlegend revolutionieren, so der Tenor. Ob mit dieser Aussage ein «Gipfel» nach Fenns Modell erreicht ist oder dieses Mal «alles anders» kommt, wird sich zeigen müssen.
Auch unter Theologen und Seelsorgerinnen weckt Künstliche Intelligenz grosse Erwartungen. Tatsächlich vertrauen sich viele Menschen lieber Chatbots an, als mit Mitmenschen über ihre Sorgen zu sprechen. Psychologische Studien zeigen, dass diese ähnlich effektiv oder gar effektiver sein können als menschliche Therapeuten. Psychologische Beratung durch KI sei urteilsfrei, anonym, günstig und immer verfügbar. Wenn es für psychologische Beratungen funktioniert, wird oftmals argumentiert, könnte es auch der Seelsorge dienen.
Künstliche Seelsorge – warum (nicht)?
Ob KI eine Chance bietet, Seelsorge neu zu denken, oder darin an ihre Grenzen stösst, ist Gegenstand lebhafter Diskussionen. Auf der einen Seite argumentieren Befürworterinnen, dass es im Ermessen einzelner Personen liege, ob KI als Seelsorge empfunden werde und deshalb seelsorgliche Wirkung entfalte. Manchen Personen und in gewissen Situationen könnten Chatbots helfen, wenn etwa keine menschlichen Seelsorger verfügbar sind. Theologisch wird unter anderem argumentiert, dass der Heilige Geist auch durch Technologien wirke, und es uns nicht zustehe, seine Wirkungsweisen zu hinterfragen – auch wenn wir sie nicht verstehen mögen.
Andererseits entgegnen Theologen und insbesondere professionelle Seelsorgende, dass das Proprium der Seelsorge gerade in ihrer Menschlichkeit bestehe. Seelsorge entstehe in der Beziehung zwischen Menschen und entfalte ihre heilende Wirkung in Zuwendung, Empathie und körperlicher Berührung, wie dies von keiner Maschine simuliert werden kann. Der Versuch, Seelsorge mit Chatbots zu ergänzen oder den Menschen gar zu ersetzen, sei ethisch verwerflich, stehe im Widerspruch zur menschlichen Würde, bedrohe die Ausbildung und Anstellung von Seelsorgenden und stelle eine unreflektierte Logik der Effizienzsteigerung dar.
Auch im Bereich der Seelsorge stellt sich in diesem Sinne die Frage nach dem Hype-Zyklus: Folgt einem «Gipfel der überhöhten Erwartungen» bald das «Tal der Enttäuschung» oder befinden wir uns bereits im «Hang der Erleuchtung», der in der weitläufigen Anwendung künstlicher Seelsorge endet? Der Verlauf dieser Debatte wird die zukünftige Rolle künstlicher Seelsorge in religiösen Gemeinschaften, Krankenhäusern, Gefängnissen und Asylzentren prägen.
Fabian Winiger ist Sozialwissenschaftler an der Professur für Spiritual Care der Universität Zürich. Im Rahmen des Universitären Forschungsschwerpunkts «Digital Religion(s)» erforscht er die Digitalisierung der Spiritual Care.