«Lobe den Herrn, meine Seele» – das ist Seelsorge

Ein gesunder Mensch sorgt für seine Seele. Warum ist Seelsorge für das Wohlbefinden relevant und was ist überhaupt die «Seele» gemäss der hebräischen Grundbedeutung?

In 1. Mose 2,7 steht: «… da bildete Gott, der Herr, den Menschen aus Staub vom Erdboden und hauchte in seine Nase Atem des Lebens; so wurde der Mensch eine lebende Seele.» Hier steht nicht: «… so bekam der Mensch eine lebende Seele.» Seele – hebräisch «נּּפש näfäsch» – meint also nicht einen separaten, unsterblichen Teil im Menschen, sondern den ganzen Menschen, aber unter einem besonderen Gesichtspunkt. Dieser wird sichtbar, wenn wir die Grundbedeutung der hebräischen Vokabel «näfäsch» betrachten. Seele heisst dann Hals, Kehle, Schlund. Und die Funktion dieses Bereichs des Körpers ist es, etwas in sich aufzunehmen.

Ich erinnere mich an die Geburten unserer beiden Söhne. Der erste Atemzug. Der neue Erdenmensch muss jetzt zum ersten Mal selbst etwas machen: Er atmet ein, zieht Luft ein und gibt den Rest, der nicht mehr brauchbar ist, wieder ab. Und von da an geht es weiter, unzählige Male – ein und aus.

«Und so wurde der Mensch eine lebende Kehle… oder ein lebender Hals oder Schlund.» Und da muss immer wieder etwas hinein, braucht es immer neu Nachschub.

Die bedürftige Seele nähren
Im Alten Testament steht «näfäsch» auch für Gier, Verlangen, Hunger und Durst. Der Mensch als lebendige Seele bin ich selbst, ich als Lebewesen unter dem Gesichtspunkt meines Begehrens, meiner Sehnsucht und Bedürftigkeit. Die Herausforderung ist, sich selbst als lebendige Seele kennen zu lernen – den seelischen Aspekt des Lebens. Es ist gefährlich, die eigene Seele nicht zu kennen. Da ist so viel Hunger und Durst, Sehnsucht, Verlangen nach mehr. Hier beginnt Seelsorge: zur Seele Sorge tragen – und gesund bleiben.

In der christlichen Szene wird der seelische Aspekt des Menschen bisweilen abgewertet. Das Seelische sei weniger wert im Vergleich zum Geistlichen. Ich finde in der Bibel keine Hinweise darauf. Etwas, das Gott, der Schöpfer, gemacht hat, kann nicht minderwertig sein. Die Bibel geht mit der Herausforderung der Seele anders um, nämlich so: «Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht…»; vergiss nicht den, «der da vergibt… der da heilt… der dein Leben erlöst… der dich krönt mit
Gnade und Erbarmen…» (nach Psalm 103).

Das ist das biblische Konzept im Umgang mit der menschlichen Seele: sich bei Gott ernähren, denn nur er kann unsere durstige Seele stillen und sättigen mit Annahme, Liebe, Wertschätzung, Hoffnung, Freude, Frieden, Vergebung, Heilung.

Dieses Sehnen nach Gott kommt auch in den folgenden Psalmversen zum Ausdruck: «Wie eine Hirschkuh lechzt nach Wasserbächen, so lechzt meine Seele nach dir, Gott!» (Psalm 42,2) und: «Gott, mein Gott bist du; nach dir suche ich. Es dürstet nach dir meine Seele…» (Psalm 63,2).

Es gibt viele Möglichkeiten, unsere Seele zu füttern. Die mit Abstand beste ist jedoch die oben beschriebene: «Lobe den Herrn, meine Seele…» Wenn unsere Seele Gott lobt, ehrt und ihm singt, dann geht unser Hals, unsere Kehle und unser Schlund auf für ihn und er kann einziehen. So ist für unsere Seele gesorgt und wir bleiben gesund.

Mathias Gerber ist pensionierter Pfarrer. Er ist begeistert von den Zusammenhängen der ganzen Bibel und von der hebräischen Sprache.

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