Bild: Maksym Tkach/SEA
«Durch die Krankheit habe ich gelernt, dass es in Ordnung ist, meinen eigenen Weg zu gehen.»
Denise Brechbühl
Nach einer Depression während dem Studium mitten in der Pandemie sagt Denise Brechbühl heute, 27-jährig, es gehe ihr wieder gut. Aktuell ist sie im zweiten Arbeitsmarkt tätig und lebt in einer betreuten WG. Für ihre persönliche Zukunft hat sie konkrete Ziele. Davon wie auch von ihren Wünschen für die Gesellschaft berichtet sie in der Streetchurch in Zürich, wo sie regelmässig Anlässe besucht und ein Jahr lang in einem begleiteten Wohnangebot war.
Wie geht es Ihnen aktuell?
Es geht mir gut. Ich arbeite seit ein paar Monaten in der Marketing-Abteilung der Stiftung Wisli. Dort kann ich tun, was meinen Interessen entspricht und mir gefällt – eine Arbeit, in der ich aufgehe. Zudem hilft es mir, dass ich mir ein gutes Beziehungsnetz aufbauen konnte.
Sie haben eine herausfordernde Zeit hinter sich. Wie machten sich psychische Schwierigkeiten bei Ihnen bemerkbar?
Ich bin in Bern aufgewachsen und zog während der Pandemie fürs Journalismus-Studium nach Winterthur. Weg von zuhause, wenig Kontakte, weil alles nur online stattfand, eine traurige Stimmung: Es ging mir nicht gut, ich hatte typische Depressionssymptome und musste das Studium deswegen abbrechen.
Wie schauen Sie heute auf jene Zeit zurück?
Es war schlimm damals. Rückblickend kann ich sagen, dass ich auch einiges aus jener Zeit mitnehme, einiges gelernt habe. Zum Beispiel habe ich einen neuen Blick auf meine Lebenspläne bekommen: Früher hatte ich eine fixe Vorstellung, wie mein Leben verlaufen soll: Studium, Arbeit usw. Durch die Krankheit habe ich gelernt, mit Unvorhergesehenem umzugehen und dass es in Ordnung ist, meinen eigenen Weg zu gehen, der nicht der gleiche sein muss wie jener von anderen.
Was hat Ihnen geholfen, aus der Depression herauszufinden?
Sicher meine Familie, Kolleginnen und Kollegen: Ich wusste, dass sie immer für mich da sind, zuhören, mich verstehen und sich nicht von mir abwenden. Dann war ich auch mehrmals in einer Klinik, hatte Unterstützung von einer Psychologin und einer Seelsorgerin.
Welche Rolle spielt für Sie der Glaube im Zusammenhang mit der Krankheit?
Ich bin mit dem Glauben aufgewachsen. Doch so richtig festigte er sich erst, als es mir nicht gut ging und ich mehr Zeit hatte, mich damit zu beschäftigen. Auch dank gläubigen Kolleginnen und Kollegen, mit denen man gemeinsam in die Kirche gehen und Fragen diskutieren kann, begann ich mich mehr damit auseinanderzusetzen.
Inwiefern ist der Glaube eine Hilfe?
Es gab Zeiten, in denen ich mich fragte, warum das mit der Depression passiert ist, und ich auch hässig war auf Gott. Doch ich habe es als etwas sehr Schönes erlebt, mit Kollegen oder meiner Seelsorgerin darüber sprechen zu können. Und wenn sie für mich beteten, war das mit einem schönen, warmen Gefühl verbunden.
Wie sind Sie mit der Streetchurch in Kontakt gekommen?
Während eines Klinikaufenthalts kam die Idee auf, in eine betreute oder begleitete Wohnform zu wechseln. Nach einem Jahr in einem betreuten Wohnen an einem anderen Ort wünschte ich mir eine Form, die etwas mehr Freiraum und Privatsphäre lässt – und bewarb mich spontan bei der Streetchurch.
Was mögen Sie besonders in der Streetchurch?
Ich konnte schnell Vertrauen fassen, durch das Wohnen, aber auch die Gemeinschaft in der «GrowSession». Die findet jeden Mittwochabend statt: Zuerst gibt es ein feines und gesundes Essen, dann feiern wir Gottesdienst mit Musik, Predigt, Abendmahl, Gebet. Anschliesend ist Zeit fürs Zusammensein, zum Abschluss das Dessert und ein Segen. Ich freue mich jede Woche darauf, denn es herrscht und gibt mir eine gute Stimmung.
Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Ich möchte zurück in den ersten Arbeitsmarkt, eventuell doch noch ein Studium im Medienbereich machen und selbstständig wohnen.
Welche Wünsche haben Sie darüber hinaus für die Zukunft unserer Gesellschaft?
Dass psychische Krankheiten nicht mehr so stigmatisiert sind. Noch immer wird es weniger ernst genommen, wenn jemand ein psychisches Problem hat, als wenn er zum Beispiel ein Bein gebrochen hat. Dieses Stigma hat auch bei mir dazu geführt, dass ich Angst hatte, von meiner Situation zu erzählen. Man fragt sich: Wie wird mein Gegenüber reagieren? Dies macht es schwierig, sich zu öffnen und Hilfe zu holen. Auch ist der Leistungsdruck hoch, zum Beispiel bei der Entscheidung für eine Lehre oder das Gymnasium oder später auch in Vereinen – es geht immer um Leistungen. Ebenso durch fixe Rollenvorstellungen, die einem den Weg vorzeichnen: Bis dann solltest du das Studium abgeschlossen haben, bis dann geheiratet haben usw.
Welche Umstände unserer Zeit sind für Menschen Ihres Alters oder jünger besonders herausfordernd?
Ich sehe durchaus sehr positive Dinge: Durch das Internet findet man etwa schneller Informationen, wenn man Hilfe braucht, zum Beispiel über eine Webseite, die Therapie- oder Wohnplätze anbietet. Aber das Internet hat auch negative Seiten, gerade das Vergleichen mit den perfekten Darstellungen auf Social Media kann schon triggern, wenn es einem nicht gut geht. Man soll Social Media nicht verteufeln, sie sind nicht schlecht, es gibt auch da gute Begegnungen und Lehrreiches. Aber wichtig ist, dass man einen guten Umgang damit lernt.
Was würde gerade jungen Menschen mit gesundheitlichen Problemen helfen?
Ein breiteres Angebot an Arbeits- oder Wohnprogrammen und allgemein niederschwelligen Orten, wo man einfach sein und sich austauschen kann – wie zum Beispiel die «GrowSession». Im Gesundheitssystem sehe ich auch Verbesserungsmöglichkeiten, indem man Dinge vereinheitlicht. Zum Teil wird man von einem zum nächsten Ort geschoben, muss jedes Mal wieder seine Geschichte erzählen und etliche Formulare ausfüllen. Einfacher wäre es, einen Case Manager zu haben, der den Überblick hat. Wenn es einem ohnehin schlecht geht, kann es sehr schwierig sein, sich selbst zu organisieren.
Was ist zum Abschluss Ihr Rat an andere Menschen Ihrer Generation aufgrund Ihrer eigenen Erfahrung und Geschichte?
Es ist okay, wenn es dir nicht gut geht. Du bist wertvoll, wie du bist. Und hol dir Hilfe – sei dies auch nur, dich jemandem anzuvertrauen.
Das Gespräch führte Daniela Baumann. Sie ist Kommunikationsbeauftragte der Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA.