«Nicht die Technik allein formt die Zukunft – sondern unser Umgang damit»

Technologieoffen und wertebewusst: So können Kirchen und christliche Werke einen differenzierten Umgang mit Künstlicher Intelligenz gestalten. Das zeigt dieser «SEA Fokus».

Der Umgang mit technologischen Innovationen war für die Menschheit oft eine Herausforderung. So schreibt Dionysius Lardner (irischer Physiker und Wissenschaftskommunikator des 18. Jahrhunderts): «Es ist dem Menschen unmöglich, die hohen Geschwindigkeiten der Eisenbahn zu ertragen. Sein Atmungssystem wird zusammenbrechen; Tod durch Lungenbluten wird die Regel sein.» Adam Smith hält entgegen: «Die Eisenbahn besteht zu 95 Prozent aus Menschen und 5 Prozent Eisen.»[1] Wie schon bei der Eisenbahn kann die Angst aufkommen, dass der Mensch nicht mit der Geschwindigkeit mithalten kann, welche die KI-Technologie vorgibt. Dabei gilt das Gleiche: Auch die KI besteht in erster Linie aus Menschen, die eine Technologie entwickeln, die ein Segen und eine Gefahr für uns sein kann.

Zunächst birgt die KI viele Chancen, die laufend zunehmen. Sie wird uns in nebensächlichen Aufgaben unterstützen und entlasten, wird uns helfen, theologische Diskurse differenzierter zu führen, und uns einen breiten Zugang zu theologischem Wissen eröffnen. In meiner täglichen Arbeit nutze ich verschiedene KI-Modelle. Dabei werde ich angeregt, grösser und weiter zu denken. In Recherchen hilft mir die KI, sehr schnell verschiedene Aspekte zu sehen, die mir sonst nicht vor Augen gewesen wären. Gleichzeitig habe ich eigene Einsichten und Erkenntnisse, von denen die KI nichts zu wissen scheint. Und so treffe ich auf beides: Wissensbereiche, die mir die KI erschliesst, und Antworten der KI, über die ich nur lachen kann.

Deshalb empfinde ich die Interaktion mit KI gleichzeitig als spannend und lustig. Sie antwortet manchmal so freundlich und wertschätzend, dass sie fast als Gegenüber wahrgenommen werden könnte. KI-Reaktionen wie «Oh ja, das habe ich mir noch gar nicht so genau überlegt. Danke für den Hinweis. Ich gebe dir eine erweiterte Antwort, wenn ich weitere Informationen in diesem Zusammenhang finde. Bitte habe einen kurzen Moment Geduld.» können suggerieren, dass auf der anderen Seite ein humanes Wesen sitzt, mit dem ich im Gespräch bin. Diese Illusion wird mit der Weiterentwicklung der KI zunehmen und kann zur Gefahr werden. Auch wenn mit KI «inspirierende Gespräche» geführt werden können, ist sie kein Gegenüber. Dieses «beziehungslose Wesen» kann einen nächsten Schritt in die Anonymität und Einsamkeit eröffnen. Ich brauche je länger desto weniger das Du. Martin Buber hat einen wichtigen Kernsatz unserer Existenz als Menschen formuliert: «Der Mensch wird am Du zum Ich.»[2] Die KI stellt diese Aussage nicht infrage, aber macht es weniger notwendig, das Du aufzusuchen, wenn mir vermeintlich alles Wissen innert Sekunden zur Verfügung steht. Deshalb tun wir gut daran, Räume für Diskurse und Dissonanz zu schaffen, um aus unterschiedlichen Ansichten und Beziehungen unsere Erkenntnis und Meinungen – und damit einander – zu formen.

Damit wird klar: Die KI ist so gut oder auch so schlecht, wie ich selbst mit ihr umgehe. Sie ist ein Werkzeug, das uns zum Segen oder zum Fluch werden kann. Die Frage ist: Gelingt es uns, so aufmerksam und reflektiert zu bleiben, dass wir nicht von der KI abhängig und damit faul und einsam werden, sondern dass die KI uns dient und ein Segen sein kann? Das wünsche ich uns allen!

[1] https://gutezitate.com/zitate/eisenbahn/ (13.5.2025).

[2] Buber, Martin: Ich und Du. Schocken Verlag, 1923, 36.

Beat Ungricht ist seit 37 Jahren mit Bea verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Neben dem Amt als Präsident der Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA arbeitet er in der Leitung der Viva Kirche Schweiz mit und ist Seelsorger in der Schweizer Armee.

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