«Die christliche Hoffnung kann als ein radikaler Gegenentwurf zum maschinellen Weltbild dienen.»
Jan Segessenmann
Zunehmend verdrängt Künstliche Intelligenz menschliche Tätigkeiten. Seit ChatGPT wird sogar die vernünftige Sprache – ein seit Aristoteles zentrales Merkmal des Menschseins – erstaunlich gut von KI simuliert. Unweigerlich stellt sich die Frage: Sind wir Menschen auch nur komplexe Maschinen? «Nein», meinen einige: «KI ist ja nichts anderes als eine grosse mathematische Funktion.» – «Aber halt», entgegnen andere: «Sind wir nicht vielleicht genau dies – eine mathematische Funktion?»
«Ich halte den Körper für nichts anderes als eine Maschine», sagte der Philosoph René Descartes bereits im 17. Jahrhundert.[1] Aber die Vorstellung, dass auch der Geist maschinell sei, gewann erst mit dem Computer des 20. Jahrhunderts Verbreitung. Heute untersucht vor allem die sogenannte Kognitionswissenschaft den Menschen durch ein maschinelles Menschenbild: Wie Software auf Hardware, so laufe der menschliche Geist im Gehirn ab. Dieser Geist bestehe aus «nichts als Werkzeugen (tools all the way down)», so zum Beispiel der Philosoph und Kognitionswissenschaftler Andy Clark.[2]
Zweifel am maschinellen Menschenbild
Der Philosoph und Psychiater Thomas Fuchs widerspricht diesem Bild. Seine Kritik: Wer versucht, «Denken» als etwas zu erklären, was maschinell im Gehirn entsteht, stellt sich ein Henne-Ei-Problem. Wer «Denken» so untersucht, muss dazu ja bereits denken. Man muss also das voraussetzen, was man erst erklären will. Das Resultat ist eine endlose Schleife von maschinellen Gehirnen, die andere maschinelle Gehirne beschreiben – und dabei ist niemandem wirklich etwas erklärt. Auch Clarks Idee eines Geistes aus «nichts als Werkzeugen» scheitert daran: Werkzeuge für wen? Für ihn? Er selbst müsste ja auch aus «nichts als Werkzeugen» bestehen. Die Rede von Werkzeugen setzt aber Personen voraus. Denn Werkzeuge sind Werkzeuge für Personen – nicht für Werkzeuge selbst.
Noch problematischer ist die Lage in der Ethik. Das Quantitative (Zählbare) wird zur ersten und objektiven Realität erhoben. Das Qualitative (Erfahrbare) wird relativiert oder zur Illusion erklärt. Rot ist dann nur eine Wellenlänge, Liebe nur Chemie. Und was passiert mit Personen? Dazu müssen wir zuerst genauer hinsehen, was wir mit «Personen» meinen. Vereinfacht gesagt: Personen nennen wir Trägerinnen und Träger von Freiheit – und damit auch Verantwortung – und Würde. Betrachten wir diese Dinge durch die Linse eines maschinellen Menschenbilds, wird Freiheit zu einer Illusion, die uns vom maschinellen Gehirn vorgegaukelt wird, und Würde zu einer willkürlichen Übereinkunft maschineller Gehirne. Freiheit und Würde, wie wir sie kennen, existieren in Wirklichkeit nicht. Fuchs hält dem entgegen: Hier werden Dinge nicht erklärt, sondern wegerklärt. Wenn die Differenz zwischen Personen und Maschinen einmal wegerklärt ist, wird jedes menschliche oder gesellschaftliche Problem zu einem technischen Problem. Und technische Probleme verlangen nach technischen Lösungen. Die dunkle Vergangenheit solcher «Lösungen», zum Beispiel in der Eugenik, soll uns hier erspart bleiben.
Wer Maschinen sucht, findet Maschinen
Wie weit ist es nun von der Künstlichen Intelligenz zur künstlichen Person? Wie man darauf antwortet, hängt davon ab, was man unter diesen Begriffen versteht. Dies wiederum hängt davon ab, durch welche erste Realität man die Welt betrachtet. Denn die Überzeugung des maschinellen Menschenbilds ergibt sich nicht als zwingende Schlussfolgerung unseres Denkens, sondern sie steht viel eher bereits als Annahme an dessen Anfang. Es ist eine Weltanschauung. Man nimmt zuerst an, die Realität sei primär quantitativ – eine grosse Maschinerie –, und deutet dadurch den Rest. Personen sind dann nicht mehr frei und würdig, weil diese Dinge nicht quantifizierbar sind, sondern «nichts als Werkzeuge». Wie wir gesehen haben, ist dieses Menschenbild aber weder zwingend noch rational oder moralisch erstrebenswert.
Vom Kopf auf die Füsse
Fuchs schlägt vor, der erfahrbaren Wirklichkeit mehr zuzutrauen und die Dinge wieder «vom Kopf auf die Füsse» zu stellen.[3] Auf dem Boden der Realität gilt: Personen sind realer als wissenschaftliche Formeln. Es gibt keine Wissenschaft als abstraktes Etwas, das definiert, was eine Person ist. Es gibt nur konkrete Personen, die Wissenschaft betreiben. In unserer Erfahrung gibt es keine scharfe Trennung zwischen Qualität und Quantität. Rot zeigt sich im Labor weiterhin mit einer bestimmten Wellenlänge, aber gleichzeitig auch mit einer bestimmten Qualität, die wir zum Beispiel in Sonnenuntergängen bewundern. Liebe ist auch ein chemischer Prozess, aber niemals darauf reduzierbar. Als Personen erfahren wir uns als frei und damit auch als verantwortlich für unser Handeln – und diese Erfahrung ist real und objektiv zugänglich: Wir können mit anderen darüber sprechen.
Mit der bedingungslosen Würde, die jeder Person zukommt – ob Krimineller oder Nobelpreisträgerin –, scheint es allerdings nicht ganz so einfach zu sein. Ist es nicht so, dass wir diese Würde in uns und in anderen oft gerade nicht wahrnehmen? Die Idee der bedingungslosen Würde hat sich massgeblich im christlichen Denken entwickelt. Vielleicht erfordert ein richtiges Verständnis der Würde also, dass wir den (vermeintlich) neutralen Boden verlassen und uns auf diese christlichen Ursprünge einlassen. Vielleicht müssen wir mit unseren Füssen also nicht nur auf dem Boden stehen, sondern – ähnlich wie Mose beim brennenden Dornbusch – heiligen Boden betreten.
Heiligen Boden betreten
Im Zentrum des christlichen Glaubens steht die Überzeugung, dass der Gott, der die Liebe ist, am Kreuz den Sieg über alle Mächte und Gewalten errungen hat. Die Liebe steht über allem. Sie ist die erste Realität. Wenn auch alles vergehen würde – ja sogar unsere wissenschaftlichen Formeln –, die Liebe bliebe. Die christliche Hoffnung kann hier als ein radikaler Gegenentwurf zum maschinellen Weltbild dienen: Wie die Dinge wirklich sind, sehen wir nicht, wenn wir sie durch die Linse der Maschine, sondern wenn wir sie durch Gottes Liebe betrachten. Darin liegt letztlich die Begründung einer objektiven Würde, die jeder Person unbedingt zukommt: Wir alle sind gewollte Abbilder Gottes, Repräsentantinnen und Repräsentanten der höchsten Realität.
KI ist ein mächtiges Werkzeug. Damit sie zum Guten dient, müssen wir klar unterscheiden können zwischen Werkzeugen und Personen – und die Dinge wieder vom Kopf auf die Füsse stellen. Doch damit «Personen» wirklich Personen mit ihrer unantastbaren Würde sind, müssen wir mit den Füssen auch heiligen Boden betreten.
[1] Descartes, René: L’homme. In: Adam, Charles/Tannery, Paul (Hrsg.): Œuvres de Descartes, Bd. XI, 12 Bände, 1964–1976, Vrin/CNRS, 120.
[2] Clark, Andy: Natural-Born Cyborgs. Minds, Technologies, and the Future of Human Intelligence. 2003, OUP, 136.
[3] Fuchs, Thomas: Das Gehirn – ein Beziehungsorgan. Eine phänomenologisch-ökologische Konzeption. 5. Auflage, 2017, Kohlhammer, 21.
Jan Segessenmann promoviert in Theologie an der Universität Zürich und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum Glaube & Gesellschaft der Universität Fribourg. Zuvor war er als Ingenieur im Bereich Biomedical Engineering tätig und hat u. a. in der Computational Neuroscience Group der Universität Bern am Schnittpunkt zwischen KI und Gehirn geforscht.