Zwischen Tradition und Transformation

Die christlichen Kirchen stehen seit jeher im Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Wandel. Besonders in Zeiten technologischer Umbrüche waren sie stets gefordert, ihre Positionen zu reflektieren, sich neu zu orientieren und dabei gleichzeitig ihren Kern zu bewahren. Dabei zeigt sich, wie sich theologische Deutungshorizonte erweitern oder Konfliktlinien verschieben können.

Die christliche Anthropologie, also die Lehre vom Menschen, sieht diesen in seinen Beziehungen. In der Perspektive des Geschöpf-Seins sind Menschen relationale Wesen und damit sowohl auf Kommunikation als auch Partizipation angewiesen. Dabei unterliegt die Kommunikation schon immer Veränderungen, insbesondere auch durch technische Verbreitungsmöglichkeiten. So ist das Aufkommen des Fernsehens Mitte des 20. Jahrhunderts ein markantes Beispiel dafür, wie ambivalent die Bewertung durch Kirchen ausfallen kann: von den Chancen für Bildung und Verkündigung zur Sorge um die suggestive Wirkung von Bildern oder Reizüberflutung. Dieses Muster scheint sich heute angesichts von Künstlicher Intelligenz zu wiederholen.

KI als Kulturtechnik

Der Umgang der Kirchen mit neuen Technologien ist nicht neu. Im Fokus steht, gestaltend mit den Neuerungen umzugehen, ohne sich selbst zu verraten. Es zeigt sich ausserdem, dass Ethik keinesfalls statisch sein darf, sondern sich immer im Dialog mit den gesellschaftlichen Realitäten entwickelt.

Auch der heutige technologische Wandel zeigt in eine solche Richtung, wobei er tiefgreifender, dynamischer, vernetzter und sprunghafter ist. KI kann nicht mehr nur als «neutrales Werkzeug» betrachtet werden, sondern wird mitunter zur Kulturtechnik, die Menschenbilder formt und soziale Strukturen prägt. War das Fernsehen ein einseitiges Massenmedium, so ermöglicht KI interaktive, adaptive und lernfähige Systeme, die scheinbar «autonom» agieren können. Diese neue Qualität fordert theologische Ethik heraus.

Die Person als Leitkategorie

Ein zentrales Thema ist in diesem Kontext der Begriff der Person. In der klassischen christlichen Anthropologie ist Person-Sein nicht nur an Vernunft und Sprache gebunden, sondern gerade an die Beziehungsfähigkeit, Verantwortung und Gottebenbildlichkeit.

Für Kirchen, Christinnen und Christen bedeutet dies, dem Wandel eine Gestalt zu geben: Wie muss der Umgang mit Technologien gestaltet werden, damit der Mensch als Person zum Zuge kommt? Unter anderem scheint sich aus der Perspektive der christlichen Ethik eine Handlungslinie herauszukristallisieren: Der Mensch als Person und die damit verbundene Personwürde muss als Leitkategorie zur Gestaltung des Wandels herangezogen werden. Der Personbegriff kann profilbildend gegenüber Tendenzen zur «Vermenschlichung» von Maschinen und Technologien wirken – auch um eine Technologie der Ausgrenzung zu verhindern.

Kirchen und Theologien sind fähig zur Transformation, sofern sie bereit sind, alte Antworten zu prüfen und neue Fragen ernst zu nehmen. Dabei gilt es, sowohl die Schattenseiten der Technologisierung offen zu benennen, als auch mutige Visionen für einen menschenzentrierten Technologieeinsatz zu entwickeln. Die Herausforderung besteht nicht darin, alles zu wissen, sondern in einer Haltung des verantwortlichen Fragens, Menschen, Technik und Gott zusammenzudenken.

Quellen:

  • Kaiser-Duliba, A.: Personalisiert – Entpersonalisiert: Ethische Beurteilung des Einsatzes von Robotik und Künstlicher Intelligenz in der Pflege anhand des Personkonzepts von Paul Ricœur (Ethik | Ethics 4). Baden-Baden 2025, Nomos.
  • Ulshöfer, G.; Wilhelm, M. (Hrsg.): Theologische Medienethik im digitalen Zeitalter (Ethik – Grundlagen und Handlungsfelder 14). Stuttgart 2020, Kohlhammer.

Dr. theol. Alexandra Kaiser-Duliba ist Wissenschaftliche Oberassistentin und Habilitandin am Institut für Sozialethik ISE der Universität Luzern, Lehrbeauftragte des Weltethos-Instituts Tübingen, Co-Founder von KI-ManagementSolutions.

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