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Ein Kommentar von Dr. Markus Müller:
Es ist kaum zu übersehen: Das Thema Sterbehilfe bzw. assistierter Suizid ist in Kirche und Gesellschaft allgegenwärtig geworden. Formulierungen, die uns zu Ohren kommen, sind etwa: «Ich verstehe, dass er gehen wollte.» Oder: «Das war doch für sie kein Leben mehr – Hut ab vor ihrem Entscheid.» Oder: «Da würdest du wohl auch sagen: Jetzt ist sterben dran.» Oder: «Doch lieber so, als von der Brücke zu springen oder vor den Zug.» So oder ähnlich redet die Schwester über den Vater, spricht der Hausbesitzer zum Nachbarn, sagt das Gemeindeglied zur Pfarrerin und tut der Besucher im Pflegeheim dem Pflegepersonal kund.
Es lohnt sich, über ein gesellschaftlich brisantes und kirchlich umstrittenes Thema Worte zu suchen und Sprache zu finden – nicht nur, aber auch angesichts aktueller Volksabstimmungen in der Schweiz. Hier ein Versuch, einige Grundlinien zu ziehen und vielleicht Sterbehilfe nochmals «neu zu denken»[1].
Unsere Zeit
Unzählbar die Veränderungen in unserer Welt während der vergangenen 50 Jahre. Wer über 50 Jahre alt ist, findet unschwer Beispiele für das, was vor drei bis fünf Jahrzehnten (noch) undenkbar oder schlicht unerlaubt war. So war es etwa gesellschaftlich und kirchlich begründungsbedürftig, wenn ich «Ehe ohne Trauschein» leben wollte, wenn ich mir eine gleichgeschlechtliche Beziehung wünschte, wenn ich eine Schwangerschaft abbrechen wollte oder wenn ich von Geschlechterumwandlung oder Leihmutterschaft träumte. Werteverschiebung in rasendem Tempo also, quer durch unsere Kultur. Kernmerkmal: Weg von Pflichterfüllung hin zum Recht, selber zu bestimmen, was zum subjektiven Wohlergehen beiträgt und was nicht. Es war bloss eine Frage der Zeit, wann diese Verlagerung der Werte auch das Thema Sterben und Tod erfasst.
«Es war bloss eine Frage der Zeit, wann diese Verlagerung der Werte auch das Thema Sterben und Tod erfasst.»
Dr. Markus Müller
Die Welt – auch meine Welt – muss besser werden
Wer nach 1950 geboren ist, kennt in Mitteleuropa fast nur eine Welt: Es ist die Welt des «immer besser, schneller, angenehmer und schöner». Was haben wir dabei gelernt? Logischerweise fast nur eines: Die Welt ist verbesserbar – und wenn sie nicht verbesserbar erscheint, dann machen wir sie verbesserbar: technisch, wirtschaftlich, sozial und persönlich. Sollte konsequenterweise unser und mein Älterwerden nicht besser, schneller, angenehmer und schöner werden als bisheriges Leben, gibt es ein Problem. Der definitive Kontrapunkt zum «immer besser …» ist – logischerweise – Sterben und Tod. Das Problem bzw. die Spannung spitzt sich zu und die Frage liegt auf der Hand: Könnte sich, um dieser Spannung auszuweichen, nicht die Frage nach einer Hintertür aufdrängen, und zwar schlicht, um dieses Problem ohne grosses Aufsehen und ohne grossen Aufwand zu umgehen? Sterbehilfe bietet sich geradezu an.
Eine Ahnung
Parallel zur Spannung «alles besser, schneller, schöner, angenehmer» versus Alter, Sterben und Tod scheint sich so etwas entwickelt zu haben wie – ich nenne es mal so – eine «Ent-wertung von Leben». Leben ist einmalig, Leben ist kostbar, Leben ist unüberbietbar: So könnte man denken. Dann merken wir aber, wie sehr sich plötzlich – meist unbewusst und unreflektiert – andere Leitinstanzen in den Vordergrund schieben.
Beispiele:
- Gesundheit: «Hauptsache gesund»
- Wohlergehen: «Hauptsache, dir geht es gut»
- Selbstbestimmung: «Hauptsache, du entscheidest selber»
Man ahnt, dass solche oder vergleichbare Leitinstanzen die Einzigartigkeit, Kostbarkeit und Unantastbarkeit des Lebens gerade im Angesicht von Nöten, Ängsten, Schwierigkeiten, Verletzlichkeiten und Gebrechlichkeiten untergraben. Leben, vor allem gebrechliches Leben, wird buchstäblich zweitrangig und, so dramatisch es klingt, nachgeordnet. Leben wird im wörtlichen Sinn relativiert. Es liegt auf der Hand: Was ist da noch grundsätzlich gegen Sterbehilfe einzuwenden?
«Leben, vor allem gebrechliches Leben, wird buchstäblich zweitrangig und, so dramatisch es klingt, nachgeordnet.»
Dr. Markus Müller
Richtet nicht
Gut, wenn wir uns dieses nicht nur in christlichen Kreisen oft zitierte Wort von Jesus immer wieder in Erinnerung rufen. Ja, wir sollen nicht richten, «damit wir nicht gerichtet werden»[2]. Zwei Dinge liegen zunächst nahe: Dann nämlich möchte ich – erstens – auch nicht, dass diejenigen «gerichtet» werden, die den oben beschriebenen Logiken nicht folgen, also beispielsweise Sterbehilfe bzw. assistierten Suizid offen ablehnen. Und ich möchte – zweitens – nicht, dass Menschen, die Sterbehilfe bzw. assistierten Suizid als problematisch deklarieren, dies mit schlechtem Gewissen tun müssen.
Die eigentliche, existenzielle und spannende Frage in diesem Zusammenhang lautet allerdings nicht, ob ich für oder gegen Sterbehilfe bzw. assistierten Suizid bin. Die Frage ist vielmehr, ob ich Förderer und Liebhaberin des Lebens bin – auch Liebhaberin des gebrechlichen, angefochtenen, vergänglichen und leidgekennzeichneten Lebens. Nicht Liebhaber der Gebrechlichkeit oder des Leides, aber Liebhaber des von Gebrechlichkeit und Leid gekennzeichneten Lebens.
Das Unerträglich-Tragische der Sterbehilfe
Es ist ernüchternd, wie wenig Moral unterschiedlicher Herkunft unsere Welt positiv zu verändern vermag. Gesellschaftlich – und ehrlicherweise auch persönlich und kirchlich – sind wir moralgesättigt und moralimmun. Moral (richtig oder falsch, erlaubt oder nicht erlaubt) wird uns also kaum weiterhelfen. Wir benötigen Alternativen oder wenigstens stichhaltige Ergänzungen.
Ein Versuch ist der Blick auf den unübersehbaren, aber meist verschwiegenen Schmerz, der durch den vollzogenen (Alters-)Suizid verursacht wird.
- Schmerz 1: Es schmerzt, wenn jemand sein Leben – assistiert oder nicht assistiert – beendet und seine Nächsten ohnmächtig danebenstehen müssen. Noch unmittelbarer: Es schmerzt, wenn eine vielleicht jahrelang bestehende Beziehung ausgerechnet im Sterben und Tod nicht mehr trägt und Wege ohne Achtung der Beziehungen unter dem Vorwand «Selbstbestimmung» gewählt werden.
- Schmerz 2: Der Weg zwischen der gewünschten, gewollten «Sterbe-Hilfe» zur ungewollten, nahegelegten «Sterbe-Assistenz» ist kurz. Der Sterbewillige steht immer auch unter Druck, wenn er oder sie auch vom Umfeld nur noch als (teure) Last empfunden wird. Sterben ist billiger, sagte jemand. Ein aktiv beschleunigtes Sterben – Sterbehilfe ohne Verlangen – und entsprechende Fundamentalängste gerade in Spital und Heim liegen auf der Hand.
- Schmerz 3 (der aus meiner Sicht grösste Schmerz): Wir alle hinterlassen, gewollt und ungewollt, den kommenden Generationen nicht nur Geld. Man wird drei oder fünf oder zehn Jahre nach unserem Tod von uns als Einzelperson wie auch von uns als Generation reden. Die Frage ist: Wird man über uns – persönlich und eben auch als Generation – sagen, wir hätten das Leben auch jenseits von Gesundheit, Wohlergehen und Selbstbestimmung geliebt, oder wird man sagen, dass wir die Hintertür gewählt haben, weil wir anscheinend nie gelernt haben, mit Not- und Leidvollem mündig umzugehen? Es schmerzt, in dieser Unsicherheit, was wir den kommenden Generationen hinterlassen, älter zu werden.
Wir haben Verantwortung. Und diese Verantwortung tragen wir nicht nur für Leistung und Können im Leben, sondern – ich würde sagen – noch viel mehr im Sterben. Sterben ist keine individuell-private Angelegenheit.
«Nicht Beseitigung des Leides ist das erste Ziel, sondern die Fähigkeit, mit Gebrochenheit in allen Lebensaltern gut und innerlich gesund umzugehen.»
Dr. Markus Müller
Gebot der Stunde: Das Leben lieben
Was ist Sterbehilfe? Ich würde sie als «gebrochene Liebe zum Leben» umschreiben. Die Logik unserer Zeit: Wir lieben Leben, solange es «ungebrochen» und geprägt von Gesundheit, Wohlergehen und Selbstbestimmung ist.
Die Frage ist: Worum müsste es in und rund um die kantonalen Abstimmungen im Bereich Sterbehilfe bzw. assistierter Suizid gehen? Der Leitsatz würde lauten: «Ungebrochene Liebe zum gebrochenen Leben». Unser Votum an der Urne: Weil wir Orte dieser ungebrochenen Liebe zu gebrechlichem Leben als unverzichtbar für unsere Gesellschaft wollen, verlangen wir, dass Institutionen und Heime das Recht behalten, Orte zu sein, die den Zutritt für Sterbehelfer und -helferinnen verweigern dürfen.
Weil es aber beim Thema rund um Sterbehilfe um sehr viel mehr als eine Volksabstimmung geht, erlaube ich mir fünf Anmerkungen zum «Gebot der Stunde», speziell für die christliche Gemeinde (womit ich auch Vereine, Schulen, Freundeskreise, Kleingruppen und viel anderes meine):
- Christliche Gemeinden dürfen nie nur Orte des Glaubens sein. Sie müssen Orte des Lebens sein, an denen Leben ent-privatisiert und ent-individualisiert wird. Nur so wird das Lebensende nicht nur dem Einzelnen überlassen.
- Christliche Gemeinde ist Übungsfeld des mündigen Umgangs mit angefochtenem, gebrechlichem und manchmal gebrochenem Leben. Nicht Beseitigung des Leides ist das erste Ziel, sondern die Fähigkeit, mit Gebrochenheit in allen Lebensaltern gut und innerlich gesund umzugehen.
- Christliche Gemeinde feiert das Leben, weil sie das Leben – und damit das Älterwerden – liebt. Leben ist kostbar, gerade in aller Verletzlichkeit und Vergänglichkeit. In der Gemeinde lernen wir, Leben auch in und trotz aller Gebrochenheit zu feiern. Es wird sich darauf auswirken, wie wir unser Lebensende gestalten.
- Christliche Gemeinde ist Ort der Hoffnung und pflegt deshalb das Glück der Zukunft. Sie ist bereit, das Glück der Gegenwart hinter die Freude an der Zukunft zu setzen. Das Grundgesetz: Wer in der Zukunft sicher ist, vermag die Gegenwart zu gestalten. Zu bewähren hat sich dieser Satz im Sterben, eingeübt wird er Jahre und Jahrzehnte davor.
- Christliche Gemeinde ist «Gemeinde des JA». Es entspricht der Logik der Welt, in die wir geboren sind, dass alles immer besser, schneller, angenehmer und schöner werden muss. Gemeinde, und damit unser individuelles und gemeinschaftliches Leben, muss sich von der «Tyrannei des Gelingens»[3] lösen. In der christlichen Gemeinde lernen wir das ungebrochene, bedingungslose, uneingeschränkte JA, so wie Gott es dieser Welt gegenüber praktiziert und immer schon praktiziert hat.
Christliche Gemeinde ist der Ort in dieser Welt, an dem wir die Liebe zum Leben – zugespitzt: die ungebrochene Liebe zum gebrochenen Leben – einüben. Christliche Gemeinde hat das Potenzial, anschaubares Kompetenzzentrum des Lebens zu sein.
Ich wage die Hoffnung: Es gibt nichts Attraktiveres für Menschen dieser Welt, und dies mit der Folge, dass sich die Fragen der Sterbehilfe bzw. des assistierten Suizids nochmals in ganz anderem Licht darstellen.
Worauf wir Antworten haben sollten
Zum Schluss: In welchen Situationen und bei welchen Fragen wäre es gut, wenn wir ganz selbstverständlich Antworten hätten?
Beispiele:
- Mein Onkel hat sich bei Exit angemeldet. Er fragt: «Was denkst Du dazu?»
- Ich bin zu «Abschiedsparty» eingeladen – mein Schulkollege wird kommenden Donnerstag aus dem Leben scheiden. «Soll ich hingehen? Was soll ich sagen?»
- Du bist doch meine Freundin. «Könntest Du nicht dabei sein, wenn der Sterbebegleiter kommt und ich sterben darf?»
- Ich bin bloss noch eine Last und koste doch nur noch! «Kannst du mir nicht helfen, einer Sterbehilfeorganisation beizutreten?»
- Mein Bruder wäre so froh, wenn unsere Eltern einer Sterbehilfeorganisation beitreten würden – für den Notfall. Ich bin da dagegen. «Was kann ich tun?»
- Gott will das Leid nicht – ich helfe ihm jetzt mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation, dass weniger Leid in der Welt ist. «Das ist doch in Ordnung»?
Sterbehilfe bzw. assistierter Suizid ist zugegebenermassen eine komplexe Sache. Ein simples Ja oder Nein verbietet sich. Es ist Zeit, Sterbehilfe «neu zu denken». Warum nicht anfangen, weil das Thema so existenziell ist, Worte zu suchen und Sprache zu finden? Warum nicht einige Logiken dieser Zeit durchbrechen und einige alternative Selbstverständlichkeiten entdecken und einüben? Dies im Freundeskreis, im Verein, in der Gemeinde – und als Gesellschaft. Ich lade dazu ein. Es wäre die Alternative zum ohnmächtigen und sprachlosen Abwarten, was Mehrheiten entscheiden.
Kein Zwang zur Sterbehilfe
Rund 19 Prozent der assistierten Suizide finden heute bereits in Heimen statt. Da der Bund den assistierten Suizid nicht weiter regeln will, ist die Frage den Kantonen überlassen. Dort werden Entscheidungen per Volksabstimmung herbeigeführt, zuletzt im Kanton Wallis, jetzt am 29. September im Kanton Zürich. Dazu empfiehlt die SEA die Unterstützung der Kampagne «Kein Zwang zur Sterbehilfe», damit im Kanton Zürich nicht sämtliche privaten Alters- und Pflegeheime sowie Spitäler verpflichtet werden, den assistierten Suizid in ihren Räumen zuzulassen.