Psychisch krank sein dürfen

Martina Seger-Bertschi im Gespräch mit Manuel Schmid und Hanspeter Herzog.

«Wir dürfen eine tränenreiche Gemeinschaft sein. Eine vorläufige Gemeinschaft. Noch nicht am Ziel, wo alles herrlich und gelöst ist.» 

Zwei Menschen, zwei Generationen, zwei Berufe. Beide haben Theologie studiert, beide sind verheiratet und Vater: Manuel Schmid leitet die Abteilung Theologie und Ethik der evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Hanspeter Herzog ist Pfarrer in der evangelischen Kirchgemeinde Berg (TG). Das jüngste seiner vier erwachsenen Kinder ist schwer mehrfachbehindert. Sie sprechen unter anderem darüber, welche Rolle die Gemeinschaft bezüglich psychischer Gesundheit spielt. 

In jeder Buchhandlung stehen x Ratgeber für psychische Gesundheit. Sind die alle unnötig, wenn man die Bibel liest? 

Hanspeter Herzog: Sicher nicht, nein. Die Bibel kann eine Ergänzung sein, indem sie den Menschen einen anderen Boden gibt, mit Krankheiten umzugehen.  

Manuel Schmid: Das sind zwei ganz verschiedene Kategorien. Die Bibel gegen Ratgeberliteratur auszuspielen, wäre ein fundamentalistischer Reflex. Ratgeber sind individualistisch angelegt: Einzelne Autoren richten sich an einzelne Ratsuchende. Die Bibel hingegen ist ein Gemeinschaftswerk, das auch gemeinsam gelesen, diskutiert und gelebt werden will. Wir vergessen heute gerne, dass über weite Strecken der Kirchengeschichte kaum ein Christ eine eigene Bibel zuhause hatte. Biblische Geschichten leben in Gemeinschaften – und können dort heilsam sein. Sie können aber auch krank machen, toxisch wirken.  

Inwiefern?  

HH: Die Bibel ist heilsam, weil sie eine grosse Hoffnungsgeschichte ist. Sie sagt mir, wer ich bin – als gesunder Mensch und als kranker Mensch. Krankmachend wäre zu sagen: Hier steht, dass Jesus geheilt hat, also wirst auch du geheilt werden. Solche Aussagen können zerdrücken.  

MS: Ja, man kann sich biblische Texte auch so zurechtlegen, dass sie Gesundheit zum christlichen Normalfall erklären. Dann bleibt kein Raum für Menschen, die körperlich oder psychisch krank sind. Wer nicht gesund ist, hat dann nicht ernsthaft genug gebetet, nicht fest genug geglaubt oder sonst einen geistlichen Trick versäumt. Ich bin dagegen überzeugt, dass nur eine Gemeinschaft, in der auch körperlich versehrte und psychisch kranke Menschen ein Zuhause finden, eine gesunde Gemeinschaft ist. Und umgekehrt: Eine Gemeinschaft, in der alle gesund sein müssen, ist ungesund, sogar gefährlich. Es gibt solche Gemeindekulturen und Überzeugungen, die meines Erachtes auch der Bibel nicht gerecht werden. 

Geben Sie ein Beispiel. 

MS: Die Hälfte aller Psalmen sind Klagepsalmen, und nicht jedes dieser Stossgebete endet zuversichtlich. Und diejenigen, die wieder eine Zuversicht finden, finden diese erst, nachdem sie durch grosse Tiefen, durch das ganze Leid hindurchgegangen sind. Es kann nicht sein, dass wir psychisch kranken Menschen in Gottes Namen den Druck auferlegen, möglichst schnell gesund zu werden oder nicht zu viel von ihrer Depression durchblicken zu lassen – mit der Argumentation, dass dies irgendwie der Freude des Evangeliums widerspricht.  

HH: Interessant finde ich, dass ich es oft erlebe, dass Christen, die psychisch krank sind, sich selber sagen, sie müssten doch als glaubender Mensch gesund sein. Etwas von dem steckt irgendwie in uns drin. Das passiert mir ein Stück weit auch selber. Gute, heilsame Gemeinschaft kann das auffangen. Und ich merke, dass es immer wieder nötig ist, dass ich den Menschen sage: Du darfst so sein. Wir dürfen eine tränenreiche Gemeinschaft sein. Eine vorläufige Gemeinschaft. Noch nicht am Ziel, wo alles herrlich und gelöst ist. Und doch bin ich auch froh um diejenigen, die sagen: Wir glauben, dass Gott heilen kann. Aber wir glauben dies in einer frohmachenden Art. Nicht rezeptartig. 

Was kann denn der christliche Glaube, was die Psychotherapie nicht kann? 

HH: Das «Dennoch». Dennoch halte ich zu dir. Wie es im Psalm 73 steht: «Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.» Das können wir. Das kann die Psychologie nicht auf diese Art. Ich meine damit die Hoffnung oder das Akzeptieren. Klar, kann da die Psychologie auch helfen, aber wir haben eine tiefere Verankerung. Eine tiefe Verankerung, dass ich ein wertvoller Mensch bin, auch wenn ich krank bin: Dennoch hältst du zu mir. Und du verwirfst mich nicht. Das ist doch unsere Kraft. Das ist das Besondere, dass mein Leben in etwas Grösserem und etwas Höherem verankert ist. Dass auch schwach leben eine besondere Bedeutung hat. Das ist hoffnungsvoll und trostvoll.  

MS: Ich bin mit viel Polemik gegen «weltliche» Psychologie und Psychotherapie aufgewachsen. Man dachte wohl, gläubige Menschen sollten sich bei seelischen Problemen nicht von Nichtchristen helfen lassen. Ich halte das für kurzsichtig und überheblich. Gleichzeitig kann eine christliche Perspektive etwas ganz Eigenes beitragen. Zentral ist für mich hier die Auferstehung – und damit die gemeinsam gepflegte Hoffnung, dass nicht das Leid und der Schmerz, sondern die Liebe Gottes das letzte Wort haben wird. Für psychisch Kranke kann das auch bedeuten, dass andere für sie hoffen und glauben. Wenn wir zu diesen Menschen sagen können, dass nicht sie Gott festhalten, sondern dass Gott sie festhält, ist das entscheidend. Füreinander hoffen und glauben ist eine Stärke. Da sind wir wieder bei der gemeinschaftlichen Dimension der Bibel und des Glaubens. 

HH: Dazu kommt mir in den Sinn, dass ich jemanden mit schwerster Depression über Monate hinweg in der Klinik besucht habe und er mir später gesagt hat: Wie du damals für mich gebetet hast, war ein Lichtstrahl für mich, ein Hoffnungsstrahl. Du bist gekommen, ihr habt mich besucht – das ist die Hoffnungskraft, die wir durch die Gemeinschaft vermitteln können. 

Welche Zutaten braucht es, um psychisch gesund zu bleiben?  

HH: Wegkommen von einem individualistischen Leben, hin zu: Ich bin Teil von etwas Grösserem und ich darf etwas beitragen. Ich bin ein Fan von christlicher Gemeinschaft. Leben teilen, in Kleingruppen, in der Nachbarschaft.  

MS: Die kapitalistische Verrechnungslogik durchbrechen, das heisst nicht überall etwas rausholen wollen. Etwas ohne Optimierungsgedanken tun. Eine gesunde Beziehung zur Natur haben, in Resonanz gehen mit der Welt. Jede Beziehung und jeder Moment haben eine eigene Würde. Sei es einen See bestaunen oder einen Berg erklimmen. Einfach die Gegenwart auskosten, weil Gott auch gegenwärtig ist. 

«Biblische Geschichten leben in Gemeinschaften – und können dort heilsam sein. Sie können aber auch krank machen, toxisch wirken.»

Das Gespräch führte Martina Seger-Bertschi. Sie ist freischaffende Journalistin und findet es wichtig, über psychische Krankheiten zu sprechen. 

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