«Glaube bedeutet, uns in Gott festmachen, in Beziehung bleiben – gerade dann, wenn wir vergeblich auf ein Wunder warten.»
Andrea Signer-Plüss
Wunder sind notwendig, wo Situationen unlösbar und Schmerzen unerträglich sind, wo menschliches Vermögen an seine Grenzen stösst. Wunder brauchen wir, wenn medizinische Massnahmen nicht mehr greifen, Beziehungen zerbrechen, wenn Träume platzen und wir uns nicht mehr zu helfen wissen. In solchen Sackgassen ist das Rückbesinnen auf einen Gott, dem nichts unmöglich ist, naheliegend. Nur: Was, wenn das erbetene Wunder ausbleibt?
Die meisten Menschen haben zwei Anforderungen an Gott: Er soll sie vor Unglück bewahren oder sie – so das Schicksal dann doch einmal zuschlägt – wundersam aus der Not retten. Dieser Wunsch ist verständlich. Wir sehnen uns nach Sicherheit, nach Kontrolle, nach dem vermeintlich guten Leben. Und machen zugleich die ernüchternde Erfahrung, dass leidvolle Wegabschnitte, Brüche, Enttäuschungen und Krankheiten zum menschlichen Dasein dazugehören.
Mit einem unverfügbaren Gott Frieden schliessen
In meiner Arbeit als Psychotherapeutin frage ich Ratsuchende immer nach ihren Zielen. Dabei liegt der Fokus der meisten Menschen auf der Veränderung: Probleme sollen gelöst, Schwächen überwunden, Beziehungen geklärt und Leid reduziert werden. Und fast immer schwingt indirekt der Anspruch auf Machbarkeit oder – in der christlichen Version – die Hoffnung auf ein Wunder mit. Als Therapeutin stelle ich mich zwar in den Dienst von Veränderungen und bin offen für übernatürliche Heilung, setze mich aber zugleich für einen Versöhnungsprozess mit allfällig zugemuteten Gegebenheiten ein. Dazu gehört auch, mit einem Gott Frieden zu schliessen, der uns ein Leben in Fülle verspricht[1], letztlich aber in seinem Tun und Lassen unverfügbar bleibt.
In den Evangelien werden rund drei Dutzend Wunder berichtet, die das Wirken von Jesus begleiten und seine Vollmacht unterstreichen. Markus Spieker schreibt: «Wunder sind kein Selbstzweck. Sie sind von Gott geschenkte glaubensfördernde Massnahmen. Und das Vorkommen von Wundern ist in der Bibel proportional zur heilsgeschichtlichen Bedeutung der jeweiligen Epoche. In der Geschichte Israels häufen sich die Wunder vor allem rund um den Exodus und den Bundesschluss zwischen JHWH und seinem Volk. Die Jungfrauengeburt eröffnet eine neue Zeit der Wunder, deren grosses Finale die Auferstehung sein wird. Die Wunder im Neuen Testament sind himmlische Zertifikate, die den Göttlichkeitsanspruch Jesu untermauern.»[2]
Und Philipp Yancey betont: «Jesu Wunder, die die Ketten der Krankheit und des Todes bezwangen, gewähren uns einen kurzen Blick auf die Welt, wie sie gemeint war, und geben Hoffnung, dass Gott eines Tages ihre Fehler in Ordnung bringen wird. Gott ist mit dieser Welt, wie sie jetzt ist – gelinde gesagt –, genauso wenig zufrieden wie wir. Die Wunder Jesu geben uns einen Eindruck, was Gott dagegen zu tun gedenkt. Manche Menschen betrachten Wunder als unplausible Aufhebung der herrschenden physikalischen Gesetze des Universums. Doch eigentlich zeigen sie genau das Gegenteil. Tod, Zerfall und Zerstörung sind die wahren Aufhebungen der Gesetze Gottes – und Wunder sind nur vorzeitige Blicke auf ihre Wiederherstellung.»[3]
Leiden als Zumutung
Dass Gottes Pläne und die Logik seiner Heilsgeschichte für uns Menschen oft nicht plausibel sind, wird auch im Verhalten der Jünger deutlich. Als Jesus seinen bevorstehenden Tod in Jerusalem ankündigt, nimmt Petrus ihn zur Seite und sagt: «Das darf nicht sein, Herr, das darf auf keinen Fall geschehen!»[4] Für Petrus ist undenkbar, was Jesus hier andeutet. Er bringt den versprochenen Messias und das angekündigte Leiden nicht zusammen. Petrus sehnt sich nach einer Erfolgsgeschichte, deshalb weist er Jesus zurecht und versucht vehement, seinen Freund zur Vernunft zu bringen.
Wie vertraut ist mir doch diese Tendenz, Gott belehren zu wollen! Auch ich lehne mich instinktiv auf gegen das Leiden. Leiden ist eine Zumutung und kann unmöglich Gottes Absicht sein!
Leben und Leiden gehören zusammen
Die Bibel hat hier eine andere Sicht: Sie fordert uns dazu auf, genau diesen Spagat zu lernen. Die Bibel thematisiert das Leben in seiner ganzen Bandbreite, in allen Höhen und Tiefen, sie erzählt von menschlichen Tragödien, von Irrwegen, Schuld, Angst und Verzweiflung. Sie lehrt uns, dass Leiden zum Leben dazu gehört. Das wird beispielsweise im Psalter deutlich, dessen Texte zu zwei Dritteln Klage- und nicht Lobpsalmen sind.
Dennoch erwartet Gott nicht von uns, dass wir leidvolle Situationen freudig begrüssen oder gleichmütig ertragen. Menschsein ist erlaubt: Hadern, Zweifeln, Ringen, Trauern hat Platz – Jesus hat es uns vorgemacht. Gottes einziger Wunsch ist, dass wir mitten im Leiden seine Nähe suchen und ihn auch im Ungelösten ehren, der Logik und unseren Gefühlen zum Trotz. Glaube bedeutet, uns in Gott festmachen, in Beziehung bleiben – gerade dann, wenn wir vergeblich auf ein Wunder warten und Gott nicht verstehen können.
«Siehe, ich mache alles neu.»[5] Dieses schlichte, aber bahnbrechende Versprechen steht als Losung über dem Jahr 2026. Zugegeben: Auch in meinen Ohren klingt diese Verheissung wie eine Utopie. Es fällt mir schwer, angesichts des Zustands der Erde und der himmelschreienden Not vieler Menschen hoffend auszuhalten und vertrauend weiterzuglauben. Der Theologe Kurt Marti beschreibt Utopie als «Nicht-Ort oder Noch-nicht-Ort, etwas, das noch nicht geerdet oder irdisch verwirklicht worden ist». Wie treffend diese Worte doch unsere Wirklichkeit beschreiben! Denn: Es ist eine Zwischenzeit, in der wir leben. Nach Christus und zugleich vor Christus. Gottes Reich ist schon angebrochen, aber noch nicht vollendet. Wir müssen auf Gottes Gegenwart bauen mitten im Leiden, auf seinen Frieden hoffen mitten im Ungelösten und auf ein Leben vertrauen, das über den Tod hinausgeht. Vielleicht ist allein das schon ein Wunder, wenn wir lernen, dieses Spannungsfeld auszuhalten.
[1] vgl. Johannes 10, 10b.
[2] Spieker, Markus: Jesus – eine Weltgeschichte. Basel 2020, Fontis-Verlag, 211.
[3] Yancey Philip: Der unbekannte Jesus. Wuppertal 2007, R. Brockhaus Verlag, 196/197.
[4] Matthäus 16, 22 (Neues Leben).
[5] Offenbarung 21, 3.
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Andrea Signer-Plüss erlebt in ihrer Arbeit als Psychotherapeutin immer wieder heilsame Momente und tröstliche Durchbrüche. Das Ausbleiben von Wundern in notvollen Situationen und die damit verbundenen Fragen an Gott empfindet auch sie als Spannungsfeld. www.andreasigner.ch