Ignatianische Exerzitien – ein Weg, heil zu werden

Das Signet des Jesuitenordens – aus den drei ersten Buchstaben des Namens «Jesus» im Griechischen – unterstreicht die enge Verbindung der Jesuiten zu Jesus Christus. 

Die Exerzitien entspringen der Erfahrung von Ignatius von Loyola (1491–1556). Eine schwere Kriegsverletzung warf ihn in eine Sinnkrise. Hier lernte er im Meditieren des Lebens Jesu und im Hören auf das eigene Herz zu erspüren, was Gott von ihm wollte. Er schrieb eine Anleitung für das spirituelle Leben, die «Geistlichen Übungen» – ein Weg, der Menschen heil werden lässt, weil sie den Sinn und Ruf finden, den Gott in ihr Leben gelegt hat.[1]

Wenn in Exerzitien von «Übung» die Rede ist, dann geht es nicht darum, durch menschliches Mühen die Zuwendung Gottes zu erwirken. Vielmehr sind die Exerzitien Übungen (lat. «exercere» = sich üben), wie Ignatius sagt, um sich zu «disponieren», sich zu öffnen für Gottes Wort und Gnade. Die Geistlichen Übungen beschreiben in der von Ignatius intendierten Form einen Prozess von 30 Tagen[2], welche er in 4 «Wochen» einteilt. Heute werden sie oft in 5 aufbauenden Phasen verstanden:

  • Fundamentsphase
    Zum Einstieg geht es darum, sich bewusst zu werden über Anfang und Ziel des Lebens. Anhand der Meditation von biblischen Texten vertieft sich in den Übenden die Dankbarkeit einem Gott gegenüber, der sie von Anfang an geliebt und ihnen das Leben geschenkt hat, der ihnen Halt gibt.
  • Krisenphase
    In dem Mass, wie ein Mensch sich geliebt weiss, wächst Vertrauen. Dadurch können Übende ihre ganze Wahrheit, Dunkles und Unfreies, Verletztes und Schuldhaftes zulassen und im Raum der barmherzigen Liebe Gottes Heilung erfahren.
  • Nachfolge- und Entscheidungsphase
    Die unbedingte Zuwendung Jesu lädt Übende ein, Jesus tiefer kennenzulernen, ihn zu lieben und ihm nachzufolgen. Übende meditieren das ganze Leben Jesu von seiner Geburt bis zu Tod und Auferstehung. In der Vertrautheit mit Jesus spüren sie immer tiefer, was ihr eigener Weg, ihre Berufung ist. Der Ruf Gottes ist ein Entdecken der eigenen, gottgeschenkten Gaben. Trotz aller Begrenztheit «ja» zu sagen zu diesen unverwechselbaren Gaben im Dienst der Mit-Welt heisst, Versöhnung mit sich finden und so heil werden.

       In dieser Phase werden oft wichtige Entscheidungen getroffen. Hier kommt das Herzstück ignatianischer Spiritualität, die             Unterscheidung der Geister, besonders zum Tragen. Im Gebet und in der Stille lernen Übende auf ihr eigenes Herz zu hören:         Was führt mehr zu Gott hin, was von ihm weg? Wo spielen im Blick auf eine Entscheidung unlautere, gar böse Motive mit?           Und wo führt eine Entscheidung tiefer in die Freundschaft mit Jesus und bringt nachhaltigen Frieden und Freude?

  • Passions- und Auferstehungsphase
    In den letzten beiden Phasen betrachten die Übenden Jesu Kreuz, Tod und Auferstehung. Verbunden mit dem Geschick von Jesus erfahren sie, dass ihre Berufung womöglich mit Anfechtung, Vergeblichkeit, ja, Scheitern konfrontiert wird, doch dass die Liebe Gottes selbst in der tiefsten Verlassenheit Leben schafft. Kein Ort ist mehr gottlos. Gottes Gnade ist überall zu finden. In Jesus hat Gott der Welt die Quelle der Hoffnung geschenkt. Diese Erkenntnis bleibt bei Übenden nicht im Kopf hängen. Sie findet durch die Exerzitien den Weg zum Herzen. Was ist heilsamer?

 

[1] Für mehr Information zu Ignatius und den Exerzitien: Kiechle, Stefan: Ignatius von Loyola. Werk – Leben – Spiritualität. Freiburg, Basel, Wien 2014, Echter Verlag.

[2] Ignatius selbst ist es wichtig, dass die Exerzitien an die Möglichkeiten der Menschen angepasst werden. So gibt es neben der «Ur-Form» der 30-tägigen heute auch 5-7-tägige Exerzitien oder noch kürzere Formen.

Bruno Brantschen ist Jesuit, Exerzitienleiter und geistlicher Begleiter. Er leitet den ökumenischen Lehrgang «Ignatianische Exerzitien und Geistliche Begleitung» und engagiert sich im synodalen Prozess.

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