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«Die Gesellschaft kann mehr von Jugendlichen lernen, als man vielleicht denkt.»
Sebastian Rüthy
Psychisch herausfordernde Lebensabschnitte gibt es in jedem Alter. Dabei machen die Auswirkungen von Leistungsdruck, die Erfüllung latenter Erwartungen oder geopolitische Geschehnisse Jugendlichen und jungen Erwachsenen ebenso zu schaffen.
Die COPSY-Studie von 2020 bis 2024[1] zeigt, dass die psychische Belastung junger Menschen stark zugenommen hat. So waren zu Beginn der Studie rund 15 Prozent der Befragten von Symptomen einer Depression oder Angststörung betroffen. Im Verlauf der Studie stieg dieser Wert auf rund 30 Prozent an und sank, auch nach der Corona-Pandemie, nicht wieder auf den Ursprungswert. Das zeigt: Die Belastung ist real und messbar. Die jüngeren Generationen, gerade Gen Z und Gen Alpha, sind aufgrund ihres Alters eine vulnerable Gruppe. Sie reagieren stärker als ältere Generationen auf die zahlreichen Krisen unserer Zeit. Die «Dauerkrise», bestehend aus Klimakrise, aufkommenden Kriegen oder erstarkenden Autokratien, trifft sie härter. Dazu kommt der latente Druck, den Erwartungen Erwachsener gerecht zu werden. Diese Herausforderungen gilt es ernst zu nehmen, ohne dabei in hierarchische Muster zu verfallen.
Auf die Lebensrealität eingehen
Ältere Generationen wie etwa die Babyboomer, Gen X und Millennials tendieren dazu, jungen Menschen jene Welt erklären zu wollen, in der sie dereinst leben werden. Tun sie dies sicherlich ohne böswillige Absichten, schafft das dennoch weitere Probleme. Es wird eher über die Probleme und Herausforderungen sowie deren Ursachen gesprochen, als Jugendlichen darin zu begegnen. So vermuten Vertreterinnen und Vertreter der Gen X oder Babyboomer: Der ständige Konsum von digitalen Medien ist das Problem. Gen Z und Gen Alpha sind faul und schwach. Doch beschreibt die Mehrheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Problem ebenso? Oder bestimmen ältere Generationen über die Jüngeren und entscheiden selbst, wo das Problem liegt? Um einen echten Dialog zwischen den Generationen zu ermöglichen, muss auf allen Seiten miteinander und nicht übereinander gesprochen werden.
Matthias Günther beschreibt im Buch «Jugendseelsorge»[2], dass diese nur möglich ist, wenn man die Lebensrealität der Betroffenen anerkennt und bereit ist, in diese einzutauchen. Um Jugendlichen und jungen Erwachsenen nachhaltig Unterstützung aus der Mitte der Gesellschaft zu bieten, müssen sie zuerst bestmöglich verstanden werden. Und zwar so, wie sie es von sich selbst formulieren. Der Wert der Erfahrung der Älteren sollte darin bestehen, den Jüngeren Mut zu machen und ihnen den Rücken zu stärken, ohne sie eines Besseren belehren zu wollen.
Die beschriebene Dynamik folgt einem altbekannten Muster. Mit steigender Lebenserfahrung nimmt auch die Erwartung zu, etwas zu prägen – gerade auch gegenüber den jüngeren Generationen. Es ist nichts Neues, dass Erwachsene das Leben und die Realität Jugendlicher mehr prägen, als es den Jugendlichen und jungen Erwachsenen selbst lieb ist. Sei dies in Bezug auf gesellschaftspolitische Haltungen, Rollenverständnisse oder die eigene Zukunft. Das passiert auch nicht mit bösen Absichten. Der Grundgedanke ist gut: junge Menschen an der eigenen Lebenserfahrung teilhaben lassen. Nur ist dies im Umgang mit neuen Herausforderungen weniger hilfreich als erhofft. Die Vergangenheit hat mehrfach gezeigt, dass sich Lebensrealitäten verändern und die Kritik an Jugendlichen selten gewinnbringend ist. Die Realitäten und Herausforderungen junger Menschen zu respektieren, bedeutet auch zu akzeptieren, dass sie andere Lösungen finden, als wir es täten. Und genau da entsteht eine Synergie. Die Gesellschaft kann nämlich mehr von Jugendlichen lernen, als man vielleicht denkt. Genau aus diesem Grund ist ein gleichberechtigter Dialog unter den Generationen für die psychische Gesundheit aller wichtig.
Sich den Problemen stellen
Im Umgang mit psychischer Gesundheit leben die Gen Z und Gen Alpha einiges anders, sensibler als alle älteren Generationen. So ist es beispielsweise fast genau so normal, eine Therapie zu besuchen, wie man zur Dentalhygiene geht. Sie sind besser in der Lage, über eigene Probleme zu reden. Während Mantras wie «reiss dich zusammen, das wird schon» oder «ein Indianer kennt keinen Schmerz» bei vielen Menschen älterer Generationen weitverbreitet sind, stellen sich Jugendliche und junge Erwachsene ihren Problemen. Sie schämen sich dabei nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Weiter wird immer mehr Wert auf die Work-Life-Balance gelegt. Viele junge Erwachsene sind sich bewusst, dass sie nicht bis zum Umfallen arbeiten wollen. Sie versuchen, aus dem Hamsterrad des Erfolgsdrucks auszubrechen, und nehmen sich mehr Zeit für bewusste Erholung. Gerade von der Babyboomer-Generation ernten sie dafür Kritik. Viele junge Erwachsene entscheiden sich gegen einen Vollzeit-Job mit entsprechendem Lohn und für ein reduziertes Arbeitspensum mit weniger Geld. Während sie dafür kritisiert werden, die Wirtschaftsleistung zu schwächen, sind sie bereit, mehr zu sich selbst zu schauen.
Das führt zu einer weiteren Lernmöglichkeit. Gen Z und Alpha lernen immer besser, ihre eigenen Grenzen zu benennen und zu diesen zu stehen – unabhängig davon, was andere von diesen Grenzen halten. Trotz aller Belastung aufgrund globaler Ereignisse und der scheinbaren Perspektivlosigkeit resignieren die jüngeren Generationen nicht. Sie sind bereit, für ihre Grenzen einzustehen, und wollen ihre Zukunft in die Hand nehmen. Es wäre also verkehrt, von einer faulen Generation zu reden. Gerade die Gen Z ist digital vernetzter und politischer, als man denkt. Wir erleben aktuell eine der politisch aktivsten Phasen junger Menschen seit Jahrzehnten. Das kann man beispielhaft an Protesten in Bangladesch, Kenia, Nepal und Peru erkennen.
Mut machen – nicht belehren
Zusammengefasst: Jugendliche und junge Erwachsene sehen sich mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Will die Gesellschaft Unterstützung bieten, muss sie allerdings zuerst deren Realität kennenlernen und ernstnehmen. Schaffen wir das, können wir sogar viel darin lernen, wie junge Generationen mit ihren Herausforderungen umgehen. Statt mit gut gemeinten Ratschlägen um uns zu schlagen, sollten wir durch unsere Erfahrung Mut machen, ohne dabei belehrend zu sein. So können wir miteinander und voneinander lernen.
[1] COPSY- («COrona und PSYche»)-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), weitere Informationen dazu abrufbar unter https://www.uke.de/allgemein/presse/pressemitteilungen/detailseite_160448.html (24.2.2026).
[2] Günther, Matthias: Jugendseelsorge – Grundlagen und Impulse für die Praxis. 2018, Vandenhoeck & Ruprecht Verlag.
Sebastian Rüthy ist Jugendarbeiter und hat eine CAS-Weiterbildung in Kinder- und Jugendseelsorge absolviert. In seiner Freizeit betreibt er den Blog «glaube-liebe-klassenkampf.com» über Gemeinsamkeiten des progressiven Christentums und linker Politik.