Die beiden Delegierten der SEA an der Generalversammlung der Weltweiten Evangelischen Allianz (v.l.): Marc Jost und Wilf Gasser
An der Generalversammlung der Weltweiten Evangelischen Allianz in Seoul war unverkennbar: Das Zentrum der evangelischen Bewegung rückt in den Globalen Süden. Aus Schweizer Sicht hervorzuheben ist die Wahl des Generalsekretärs der Deutschen Allianz, Reinhardt Schink, in den internationalen Vorstand sowie die Annahme eines von der SEA mitunterstützten Prüfauftrags für mehr Mitsprache der Nationalen Allianzen.
Nach der 4. Lausanner Weltkonferenz im vergangenen Jahr versammelten sich erneut Leitende aus aller Welt in Südkorea. In einer Zeit wachsender globaler Herausforderungen fand die 14. Generalversammlung der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) ebenfalls in Seoul statt. Unter dem Motto «Das Evangelium für jeden bis 2033» – passend zum 2000. Jubiläum der Auferstehung Christi – kamen 850 Delegierte aus 124 Ländern zusammen, um die künftige Ausrichtung der weltweiten evangelischen Bewegung zu bestimmen. Für die Basis der Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA ist dieses Treffen von besonderer Bedeutung, denn die Beschlüsse der WEA betreffen direkt die Arbeit der Nationalen Allianzen. Die Schweiz war durch Nationalrat Marc Jost, der auch im Vorstand der SEA tätig ist, sowie den ehemaligen Präsidenten der SEA, Wilf Gasser, vertreten. Weiter war als Vertreter der AEM auch Michael Girgis aus der Schweiz vor Ort. Die Generalversammlung diente nicht nur dem Austausch, sondern bekräftigte die zentrale Rolle der Nationalen Allianzen als «Familientreffen».
Die Verschiebung des Zentrums
Die Statistiken der Generalversammlung spiegelten eine Realität wider, die für westliche Kirchen eine tiefgreifende Verschiebung bedeutet: 71 Prozent der Teilnehmenden kamen aus dem Globalen Süden und Osten – ein demografischer Spiegel der weltweiten Christenheit. Mit 36 Prozent aus Asien und 21 Prozent aus Afrika hatten diese Regionen die stärksten Kontingente. Auch das Durchschnittsalter von 45 Jahren signalisiert einen Generationenwechsel in der globalen Führung. Diese Dynamik unterstreicht, dass die Zukunft der evangelischen Bewegung nicht mehr primär in Europa oder Nordamerika liegt.
Mission und Inklusion im Fokus
Die Vision, bis 2033 jeden Menschen mit dem Evangelium zu erreichen, war die treibende Kraft der Versammlung. Der bekannte Pastor Rick Warren lieferte dazu eine konkrete strategische Anleitung. Er forderte Führungskräfte auf, sich am Modell Jesu zu orientieren, das er in fünf Schritten zusammenfasste (PEACE-Prinzip): Evangelium weitergeben, Jünger ausrüsten, Leid lindern, fortwährend beten und neue Gemeinden gründen.
Gleichzeitig betonte die Versammlung die Notwendigkeit radikaler Inklusion. Wie auch Goodwill Shana, Vorsitzender des WEA-Vorstands, forderte, steht die Einheit in der Vielfalt im Zentrum. Jeder Mensch, einschliesslich Menschen mit Behinderungen, hat laut Dr. Walter Kim, dem Generalsekretär der Allianz in den USA, «einen Platz am Tisch Gottes» und in der Kirche. Die Allianz verpflichtet sich damit klar zu einer dienenden und ganzheitlichen Evangelisation.
Das Schweigen brechen: der Ruf der Verfolgten
Ein zutiefst bewegender Teil der Versammlung war der dringende Aufruf von Joshua Williams (Open Doors International), der sich mit Nachdruck zur weltweiten Verfolgung von Christen äusserte. Er stellte die herausfordernde Frage: «Wo ist die Kirche?» und beklagte das globale Schweigen angesichts von unvorstellbarem Leid.
Williams berichtete von der erschreckenden Realität, insbesondere in Afrika, wo 16 Millionen Christen vertrieben und Frauen und Mädchen extremer Gewalt ausgesetzt sind. Er forderte dazu auf, sich im Gebet für die Geschwister in über 55 Nationen zu erheben.
Prüfauftrag für mehr Mitsprache
Die Generalversammlung der WEA traf auch organisatorische Beschlüsse, so wurde der globale Vorstand, das «International Committee», neu gewählt. Für Europa sitzt neu der Generalsekretär der Deutschen Allianz, Reinhardt Schink, in diesem Führungsgremium. Neuer Präsident des Vorstands ist Godfrey Yogarajah aus Sri Lanka. Gleichzeitig wurde ein Antrag der Spanischen Evangelischen Allianz als Prüfauftrag entgegengenommen, den auch die SEA unterstützt hat. Dieser hat das Ziel, die Nationalen Allianzen betreffend Mitsprache und Beteiligung zu stärken, unter anderem mit regelmässigeren globalen Online-Treffen.